Rezension (NZZ)

online unter http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/kunst_architektur/monumente_des_wissens_1.12409408.html

9. September 2011, Neue Zürcher Zeitung

Monumente des Wissens

Die Architektur der Bibliotheken – eine Ausstellung in der Pinakothek der Moderne in München


Ein Wissensspeicher für die Zukunft - die von Alberto Kalach und seinem Büro Taller de Arquitectura X entworfene Biblioteca Pública in Mexiko-Stadt, 2011. (Bild: Yoshihiro Koitani)

Seit Jahrhunderten hüten Bibliotheksgebäude das schriftlich festgehaltene Wissen der Menschheit. Eine Ausstellung des Architekturmuseums in der Pinakothek der Moderne in München widmet sich nun der Geschichte dieses Bautyps.

Sandra Hofmeister

Im digitalen Zeitalter erobern Texte den virtuellen Raum als E-Books, auf Online-Seiten oder in grossen Datenbanken. Die Leser werden so zu gewieften Usern, welche im Internet stöbern, elektronische Lexika konsultieren und Texte downloaden. Die ubiquitären Möglichkeiten eines Zugriffs auf die Datenwelt scheinen sogar den physischen Besitz von Büchern überflüssig zu machen. Trotzdem hat die Digitalisierung nicht zum Ende des Buches und zu verlassenen Bibliotheken geführt. Stattdessen zählt der Buchmarkt der letzten Jahre so viele Neuerscheinungen wie nie zuvor. Auch im Hochsommer sind die Lesesäle grosser Bibliotheken gut besucht, und binnen zweier Jahrzehnte wurden so viele neue Bibliotheksgebäude wie noch nie gebaut, die nun aber auch neue Nutzungsarten ermöglichen. So versteht sich Toyo Itos gläserne Mediathek im japanischen Sendai nicht als introvertiertes Bücherhaus mit abgeschirmten Lesestuben, sondern als offener Kommunikationsraum.

Lesestube und Kommunikationsraum

Monumente der Wissenswahrung sind solche hybriden Multifunktionsgebäude, zu denen auch das Rolex Learning Center von Sanaa in Lausanne zählt, allemal. Sie organisieren Foren und Treffpunkte auf freien Flächen, die verschiedene Medien und Disziplinen in fliessenden Räumen vernetzen. Verweil- und Leseinseln mit digitalen Zugängen bestimmen das Innenleben dieser gebauten Datenspeicher, die die Leser längst als Kunden empfangen. Es versteht sich von selbst, dass diesen Kunden ein breites Angebot zum Konsumieren zur Verfügung steht, das über die reine Wissensvermittlung hinausgeht und dann und wann einem One-Stop-Shop gleicht, der die Deckung vieler Bedürfnisse unter einem Dach vereint. Die Ausstellung «Die Weisheit baut sich ein Haus» im Architekturmuseum der Münchner Pinakothek der Moderne endet bei dieser grundsätzlich neuen Ausrichtung von Bibliotheksgebäuden. Zuvor aber deckt die Kooperation des Architekturmuseums der Technischen Universität München mit der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin, welche in Einsiedeln in einem Bibliotheksgebäude von Mario Botta untergebracht ist, die Wurzeln historischer und zeitgenössischer Bautypologien auf. Sie beleuchtet die wechselnden räumlichen Strukturen, welche das Wissen seit der Antike ordnen. Und sie zieht einen grossen Bogen bis hin zur Utopie von Universalbibliotheken wie Iwan Leonidows Entwurf eines Lenin-Instituts oder Etienne-Louis Boullées Vision einer «Bibliothèque du roi», in deren Entwürfen sich die Welt als Buch abbildet.

Der Rundgang beginnt mit Fragen zur Ordnung des Wissens und zeigt dessen Kategorisierung und Einteilung als eine Systematik auf, welche architektonische Ordnungen bedingt. Wiederholt wurde der Stammbaum des Wissens, den d'Alembert 1751 der «Encyclopédie» voranstellte, zum Modell für Bibliotheken. Erst die Ordnung macht aus einer Büchersammlung eine Bibliothek. Deshalb ist die Architektur von Bibliotheken eine «ars memoriae», die der Erinnerung durch räumliche Strukturen einen festen Ort zuweist. Erstmals geschah das in der Antike, wovon etwa die Bibliothek von Alexandria zeugt. Während die Skriptorien in mittelalterlichen Klöstern eigene Säle waren, wurde die Handbibliothek samt ihren Pergament-Kodizes in Nischen des Kreuzgangs untergebracht. Ein eigenständiges mittelalterliches Bücherhaus ist erstmals im St. Galler Klosterplan von 820/30 vermerkt – und zwar nördlich des Chors. Rund 480 Jahre später entstand dann das erste unabhängige Bibliotheksgebäude. Nach der Schenkung des reichen Buchbestandes von Robert de Sorbon richtete das theologische Kollegium der Pariser Universität einen saalartigen, seitlich belichteten Raum ein, in dem ein Teil der insgesamt etwa tausend Handschriften als «libri catenati» auf Lesepulten angekettet war.

Michelozzos Bibliothek im florentinischen Dominikanerkonvent San Marco, 1438 von Cosimo de' Medici in Auftrag gegeben, greift diese Tradition auf und gilt als Vorgänger der humanistischen Studienbibliotheken sowie der Saalbauten. Zwar verliert das Buch mit der Erfindung des Buchdrucks seine singuläre Kostbarkeit, kann aber nun in grossen Massen gesammelt werden. In Juan de Herreras Bibliothekssaal im Escorial reihten sich 1596 etwa 40 000 Bände entlang der Seitenwände des langgestreckten Saals auf. Die Auslagerung der Bücher in Magazine befreite den Saalbau im 19. Jahrhundert von seiner Aufbewahrungsfunktion und schuf reine Lesesäle. Wie relevant die Bautypologie heute ist, beweist Max Dudlers Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin: Mit terrassierten Arbeitsebenen innerhalb eines grossen, gleichmässig belichteten Lesesaals knüpft der neue Hauptraum der Zentralbibliothek der Humboldt-Universität bewusst an eine lange Tradition an und interpretiert sie auf neue Art.

Entsprechend der Geschichte der Episteme, welche das Wissen um die Welt je nach Epoche neu sortiert und ausrichtet, erhält die Typologie von Bibliotheksgebäuden unterschiedliche Gesichter. Mit Referenz auf das antike Pantheon öffnen sich die prachtvollen Zentralbauten des Barock dem Himmelsgeschehen. Die später durch einen wilhelminischen Neubau ersetzte Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, deren Bibliothekare einst Gottfried Wilhelm Leibniz und Gotthold Ephraim Lessing waren, schloss ihre elliptische «Rotunde» wie einen Wissenstempel mit einer Laterne ab. Ein Lichtkranz erhellte das zentrale Deckengemälde eines Himmelsglobus, der symbolisch für die weltumspannenden Wissenschaften stand. Auch die ersten Nationalbibliotheken im 19. Jahrhundert fassten ihren Repräsentationsanspruch als Archive des Weltschriftentums in Zentralbauten. Erwähnt seien die gewaltigen Kuppelkonstruktionen über dem Lesesaal der Pariser Bibliothèque nationale von Labrouste und über dem Reading Room der British Library. Seinen Anspruch als stolzer Wissensspeicher der Nation symbolisiert der berühmte Lesesaal in London auch durch eine Spannweite, die sogar die Kuppeln von Pantheon und Petersdom in Rom übertrifft. In Paris hingegen fächert sich das Dach in neun Kuppeln auf, die in Dreierreihen gruppiert sind und von beeindruckend filigranen Säulen aus Gusseisen getragen werden.

Analogien und Unterschiede

Mit Modellen und Grundrissen, Fotografien und Stichwerken gelingt es der Ausstellung, Analogien und Unterschiede in der Architektur von Bibliotheken sichtbar zu machen. Zwischenstationen zu privaten, erdichteten oder verlorenen Bibliotheken lockern den systematischen und historischen Überblick auf. Zum Schluss des Rundgangs führt eine Folge aus Filmsequenzen unvermittelt in das pralle Leben. Da verdichten sich zum Beispiel die Gedanken und die Lektüre aller Leser in Scharouns wunderbarer Berliner Staatsbibliothek zu einem vielschichtigen Stimmengewirr, das nur die Engel in Wim Wenders' «Himmel über Berlin» hören. Letztlich wird das kulturelle Gedächtnis, egal ob digital, auf Pergament oder in Büchern gefasst, stets in individuellen Ausschnitten und Fragmenten lebendig.

 

Bis 16. Oktober im Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne. Katalog: Die Weisheit baut sich ein Haus. Architektur und Geschichte von Bibliotheken. Hrsg. Winfried Nerdinger in Zusammenarbeit mit Werner Oechslin. Prestel-Verlag, München 2011. 412 S., Fr. 72.90 (€ 35.– in der Ausstellung).

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