Über die Bibliothek
Geschichte, inhaltliche Ausrichtung und Architektur

Geschichte
Die Anfänge der Bibliothek Werner Oechslin reichen in eine Zeit zurück, in der das Quellenstudium und dessen Absicherung durch die Konsultation der Originale nur am Rande als bedeutsam erkannt und allenfalls in Spezialbereichen der einschlägigen Forschung als wichtig empfunden wurde. Heute hat sich die Einstellung gegenüber der Quellenforschung radikal geändert. Verunsicherung und Neuorientierung in den Geisteswissenschaften verlangen nach einer Überprüfung der Grundlagen. Dies hat zu Neueinschätzungen und oft auch zu regelrechten Neuentdeckungen geführt. Das Interesse an den Quellen und die Einsicht in die Notwendigkeit ihres Studiums – gerade auch dort, wo es um Denkformen, um Wissenschaftsmodelle, um Versuche integrativen Verstehens und Begreifens geht – ist heute grösser denn je und noch weiter im Wachsen begriffen.
Inhaltliche Ausrichtung
Die Bibliothek Werner Oechslin in Einsiedeln vereinigt in erster Linie Quellenschriften zur Architekturtheorie und zu benachbarten Gebieten in originalen Ausgaben vom 15. bis zum 20. Jahrhundert. Über 50.000 Bände dokumentieren Theoriebildung sowie systematische Versuche des Verstehens und Begründens im geistes- und naturwissenschaftlichen Zusammenhang. Das Kerngebiet der Architektur wird dabei folgerichtig um verwandte Bereiche von der Kunsttheorie zur Kulturgeschichte und von der Philosophie zur Mathematik ergänzt.
Die Bibliothek wurde parallel zu einer dreissigjährigen Forschungstätigkeit mit dem Ziel angelegt, einen kulturellen Zusammenhang der einzelnen Disziplinen über die direkten Zeugnisse in den Quellen zu rekonstruieren und dieses Schrifttum – im Sinne eines hochqualifizierten wissenschaftlichen Instrumentariums – der Forschung zu erschliessen. Die Bibliothek setzt mit ihrer eingeschränkten Bücherzahl klare Akzente zugunsten der originalen Quellen, ist aber gleichwohl kulturgeschichtlich umfassend. Dank dieses Profils, also dank der ausserordentlichen Dichte und Vollständigkeit der entsprechenden Quellentexte und der darauf aufbauenden wissenschaftlichen und kulturellen Projekte, hat die Bibliothek längst internationales Interesse geweckt. Für die Schweiz stellt die Bibliothek Werner Oechslin einen einzigartigen interdisziplinären Treffpunkt dar, sowohl für die architekturtheoretische als auch für die kunst- und kulturwissenschaftlich ausgerichtete Forschung.
Architektur
Die Bibliothek steht seit jeher unter dem nur scheinbar widersprüchlichen Grundsatz einer gewünschten "Öffentlichkeit" und einer gleichwohl angestrebten höchstmöglichen "Konzentration und Abgeschiedenheit". Beides sind Voraussetzungen des erfolgreichen Studiums. Allein schon aus diesem Grund kann der Bibliotheksstandort Einsiedeln als ideal gelten: In ausreichender Entfernung von Zürich gelegen, ist Einsiedeln doch bestens angebunden: Mit der Bahn oder dem Auto benötigt man 40–50 Minuten bis Einsiedeln, vom Flughafen Zürich–Kloten eine gute Stunde.
Die Wahl Einsiedelns als Standort der Bibliothek hat aber auch eine symbolische Bedeutung. Von dem Gebäude Mario Bottas gleitet der Blick zum Kloster, das 934 gegründet, schon früh Ort eines scriptoriums war und heute über eine bedeutende Bibliothek verfügt. Über die "Luegeten" führte – und führt wieder – der Jakobsweg, auf dem die Pilger aus den nördlichen und östlichen Teilen Deutschlands sowie aus Österreich und Böhmen weiter bis nach Santiago de Compostela zogen. Einsiedeln war immer ein Scharnier zwischen Nord und Süd, zwischen der germanischen und der lateinischen Welt!
Der Weg ist für sich genommen schon eine Metapher für Entwicklung und Bildung. Mario Botta setzte sein Bibliotheksgebäude auf diese geschichtsträchtige Pilgerroute und legte bewusst einen tatsächlichen mit einem ideellen Weg zusammen. Diese Überlagerung einer abstrakt-geistigen mit einer physisch-sinnlichen Welt hat seit jeher bedeutende Büchersammlungen ausgezeichnet. Hier liegt auch die besondere Faszination der Bibliothek Werner Oechslin und des Entwurfs von Mario Botta.
Der Versuch, eine geistige Ordnung modellhaft auch körperlich darzustellen, bietet sich bei einer kleineren Bibliothek an und zwar im Sinne einer inhaltlichen Stütze und Strukturierung. Das "systematisch Geordnete" (das mentalmente architettato) soll auch in der Bibliothek Werner Oechslin verwirklicht werden und dazu beitragen, dass der innere Gehalt der Sammlung sich dem Benutzer unmittelbar erschliesst. Die Bücher sind also so angeordnet, dass sie sich nicht nur selbst, sondern auch in ihrer Ordnung und Integration mitsamt ihrer "guten Nachbarschaft" – wie Aby Warburg dies nannte – dem Benutzer mitteilen. Der Inhalt der Bibliothek soll somit als Ganzes und in seinen Teilen unmittelbar anschaulich werden. Das Wissen findet sich nicht mehr vereinzelt, sondern gibt sich vernetzt, und wird im Sinne einer kulturwissenschaftlichen Bibliothek als "Gesamtheit" präsentiert.



