Bucherwerbungen

aus Zuwendungen von Sponsoren (2009–2010)

 

Werner Oechslin

In der ersten Ausgabe von SCHOLION (Heft 0, Null!) hatten wir 2001 die alte Metapher der Bücher als des Menschen Nahrung zum Ausgangspunkt unserer Betrachtung genommen. Eine Bibliothek ist ein lebendiger Ort, an dem das Wissen sich entfaltet und weiterschreitet, neue Wege findet und alte neu entdeckt, abgleicht und modifiziert. Mit jeder Erkenntnis ergeben sich neue Fragen. Und auf diese Weise gesellt sich an die Seite des Wissens Verständnis und Einsicht, ganz und gar nicht zufällig, sondern immer einem vertiefenden Verstehen zugedacht und einem “begrifflich-erdachten” (Cassirer) und einem “individuellen und historischen” Sein zugeordnet. Und es verlangt stets weiter nach Ergänzung und Präzisierung, was, folgt man Wilhelm von Humboldts Folgerungen aus seinen sprachvergleichenden Forschungen, zu einer “dritten, höheren Erscheinung, der Erzeugung menschlicher Geisteskraft in immer neuer und oft gesteigerter Gestaltung” führt.

Anders gesagt und auf die Bibliothek übertragen, ihr Nutzen erschöpft sich natürlich keineswegs mit den einzelnen Büchern und den in ihnen enthaltenen einzelnen Informationen. Erst in der Vergleichung – und in der “genauen Ergründung der Mannigfaltigkeit” – zeigt sich der tatsächliche Gewinn einer Bücherversammlung. Das Prinzip der “comparanda eruditio” beschreibt diesen Blick auf das Ganze und seine vielfältigsten Teile in ihrer Vernetzung. Es geht bei den Büchern wie bei den geschichtlichen Tatsachen um eine “durch viele Jahrhunderte hinlaufende Kette einander gegenseitig bedingender Ursachen und Wirkungen”. So entsteht ‘Bildung’; auf diese Weise ‘kultiviert’ das gesammelte Wissen und die erinnerte Erfahrung den Menschen und bleibt ihm verfügbar. An einem solchen Ganzen arbeitet die Bibliothek. Und unserer kleinen, den Quellen ganz besonders sich zuwendenden Sammlung ist gerade dies ein besonderes Anliegen, um auf diese Weise den Puls der Forschung zu spüren, die Fragen aufzunehmen, das Wissen zu vergrössern und zu vertiefen. Es geht nicht ohne Bücherkauf. Lücken sollen geschlossen werden, sinnvolle, sich aus der Sache selbst, aus notwendiger Präzisierung, ergebende Ergänzungen müssen möglich sein. Auch deshalb, damit wir dem Rhythmus der Forschung folgen können.

Wir sind deshalb all unseren Freunden dankbar, die uns immer wieder einzelne Bücher schenken. Es freut uns auch ganz besonders, wenn Autoren ihre Arbeiten – auch einzelne ‘offprints’ – zusenden. Oftmals werden wir so auf Forschungen und Interessen aufmerksam, die uns sonst unbekannt geblieben wären. Buchgeschenke sind sinnvolle Geschenke und bereichern uns sehr. Zwei uns wohlgesinnte Personen haben uns in ganz besonderer Weise mit bedeutenden Schenkungen unterstützt.

Nicholas Kessler hat uns eine grössere Geldsumme zur Verfügung gestellt, mit der wir gezielt wichtige Ankäufe tätigen werden. Zuvor hatte er uns ein besonderes und besonders gut erhaltenes Exemplar der berühmten Historischen Architektur Johann Bernhard Fischer von Erlachs in der Leipziger Ausgabe von 1725 zum Geschenk gemacht. Das Rückenschild des originalen Ledereinbandes vermerkt “Essai / D’Archi / Hist”, was auf einen französischen Aufbewahrungsort des bedeutenden Werkes verweist, dessen Text ja auch in französischer Übersetzung mitgegeben wurde. Eine auf den Vorderdeckel in goldenen Lettern gedruckte Inschrift klärt auf: “A LA SUBSTITUTION | DU VALDEC | PROCHE SOLEURE | EN SUISSE | MDCCXXVII.” Identische Inschriften mit wechselndem Datum sind aus andern Bibliotheksbeständen – in Solothurn wie auch in Übersee – bekannt. Das uns zum Geschenk gemachte Exemplar der 1725 in Leipzig zum zweitenmal erschienenen Historischen Architektur befand sich also schon 1727 in der Bibliothek von Schloss Waldegg bei Solothurn. Damit ist auch ein bedeutender Hinweis auf die Verbreitung des Werkes gegeben, das ja sehr bald als einschlägiges, in seiner ‘geschichtlichen’ Orientierung einzigartiges Architekturbuch in entsprechenden Bibliographien erscheint. Man darf also annehmen, dass das Werk damals unter Johann Viktor II. von Besenval in die Bibliothek von Schloss Waldegg gelangte. Der damalige Hausherr befand sich in diplomatischen und militärischen Diensten Frankreichs und hat in seiner Zeit den Familiensitz ausgebaut und erweitert.

Für eine ebenso spontane, wie grosszügige Schenkung sind wir Roger Diener sehr zu Dank verpflichtet. Sie ermöglichte uns die Anschaffung einer Reihe inbesonders architektonischer Bücher, von denen einige hier vorgestellt seien.

Passend zu Roger Dieners eigenen architektonischen und städtebaulichen Interessen und Leistungen ist das durchaus seltene, 1853 und 1854 kurz nacheinander in zwei Ausgaben in New York erschienene Werk City Architecture; or, Designs for Dwelling Houses, Stores, Hotels von M. Field, der mit Marriot Field identifiziert wird, welcher Zeichnungen für Londons Encyclopedia of Architecture geliefert hat. Viel mehr scheint nicht über den Autor und sein bemerkenswertes Buch bekannt zu sein, in dem er sich anschickt, architektonische Modelle und Verbesserungsvorschläge für New York zu entwickeln. Den einzelnen Vorschlägen und Analysen ist ein an der klassischen Architekturtradition orientierter “Essay. On the Principles of Design in Architecture” vorangestellt. Den vitruvianischen Grundbegriffen wie “symmetry”, “proportion”, “variety” und “utility” sind dort Gestaltungsprinzipien vorgestellt, die in ihrer Verallgemeinerung an die auf Systematik und Kombination orientierte Entwurfslehre eines Durand erinnern. “Perpendicularity”, “Horizontality” und – der formalen Vielfalt unterschiedlicher Architektursprachen Rechnung tragende – “association” geben der ansonsten so klassisch (und italienisch) ausgerichteten Architekturlehre einen modernen und durchaus ‘städtischen’ Anstrich. Entsprechend radikal, raster- und rahmenhaft sind die Projekte entwickelt, die in ihrer musterbuchähnlichen Zusammenstellung ansonsten etwa an das erinnern, was auch in Rom im späten 18. Jahrhundert im Sinne einer Wiederaufnahme und Synthese römischer Fassaden und ‘Fassadenabwicklungen’ Giandomenico Navone und Gio.Bat. Cipriani vorgelegt hatten. Schon damals stand der ‘methodische’ Aspekt – zumindest im Titel des Werkes – im Vordergrund: Nuovo Metodo per apprendere insieme le Teorie, e le Pratiche della scelta Architettura Civile sopra una Nuova Raccolta de’ piu cospicui Esemplari di Roma ... (Rom 1794). Damals ging es allerdings in erster Linie um die konkreten Beispiele, wie der Satz der knappen Einleitung bezeugt: “Sì lo studio degli originali ben eseguiti è senza dubbio il solo, che si avvicina allo studio di bene eseguirli.” Field hatte seinerseits bei seinem Vorhaben ganz offensichtlich New York vor Augen, für dessen zu verschönernde Strassenfassaden er italienische Modelle, gusseiserne ‘Übersetzungen’ durchaus im Auge, abwandelte. Er beendet seinen theoretischen Essay mit einem Zitat eines eigenen früheren, als Prophezeiung gewerteten “criticism”, “that the recent evidences of improving taste and public spirit of the citizens, afford the most certain promise, that, at some future day, New York will equal in splendour, as well as in prosperity, the proudest cities of the old world.” Er hat Recht bekommen.

Von hoher städtebaulicher Relevanz sind Bauordnungen im weitesten Sinne. Durch die Schenkung Roger Dieners konnten wir die knappe Reihe von Londoner Dokumenten ergänzen. 1657 erschien An Act for the Preventing of the Multiplicity of Buildings In and about the Suburbs of London, And Within Ten Miles thereof. Darin wurden die Entscheidungen des Parlaments in Westminster vom 17. September 1656 festgeschrieben. Es ging um Massnahmen gegen unkontrolliertes Wachstum in den suburbs, die als schädlich und unpassend, insgesamt als ein “growing Evil” beschrieben wurden. Dagegen sollten nun Massnahmen zwecks Gewährleistung von Ordnung beschlossen und samt Androhung von Sanktionen gesetzlich verankert werden. Natürlich sind in dem Act die – zahlreichen – Ausnahmen und Bauprivilegien genauso erwähnt; sie erweisen sich für die Baugeschichte Londons vor dem Great Fire von 1666 als wertvolle Quelle. Der grossen Brandkatastrophe von 1666 folgte der Wiederaufbau, den symbolhaft ein einzigartiger Beschluss zum Bau neuer Kirchen einleitete. Jener Massnahme folgte 1711 ein weiterer “Act for Building Fifty New Churches In and about The Cities of London and Westminster”. Dieser und die nachfolgenden zugehörigen, alle erdenklichen rechtlichen und finanziellen Konsequenzen berücksichtigenden Erlasse finden sich 1721 in einer Publikation zusammengefasst, die auch den entscheidenden Durchführungsbeschluss kraft Einsetzung einer sechzigköpfigen Kommission vom 2. Dezember des zweiten Jahres “of Our Reign”, dem zweiten Regierungsjahr King George I., 1715, enthält. Neu erworben ist auch eine Bestätigung dieser Beschlüsse aus dem ersten Regierungsjahr von George II. (1727). Weitere Anschaffungen reichen von der damals, 1814, als erste umfassende Monographie der Kathedrale von Salisbury angekündigten Darstellung von John Britton The History and Antiquities of the Cathedral Church of Salisbury zu den in Form von Briefen erstellten handschriftlichen Reisenotizen einer “Tour” nach Italien und Griechenland, die man kaum zur Kenntnis nehmen würde, stammten sie nicht von dem für seine wesentlichen Beiträge zur britischen Architekturgeschichte bekannten Arthur T. Bolton. Ebenfalls neu stehen in der Bibliothek jetzt der wohl von Behrens selbst gestaltete Ausstellungskatalog (der Umschlag trägt die Signatur “poetter–essen”) Peter Behrens und seine Wiener Meisterschule (1926), sowie das F. L. Wright gewidmete und von einem Text von Henry-Russell Hitchcock eingeleitete erste Heft der von André Lurçat herausgegebenen Reihe Les Maitres de l’Architecture contemporaine (1928). 

Cockerell

Ganz besondere Erwähnung verdient schliesslich eine der wichtigsten archäologischen Publikationen ihrer Zeit, Charles Robert Cockerells “magnum opus”, die Darstellung des Aphaiatempels auf Aegina und des Apollotempels in Bassae-Phigalia: The Temples of Jupiter Panhellenius at Aegina, and of Apollo Epicurius at Bassae near Phigaleia in Arcadia (1860). Das Werk geht auf Forschungen Cockerells zurück, die er mit dem 1817 früh verstorbenen Carl Haller von Hallerstein 1810–1814 durchführte. (Die transportablen Beutestücke teilten sich damals bekanntlich die finanzierenden Staaten Grossbritanniens und Bayerns!) Auch Hallers Zeichnungen fanden in der späten Aufbereitung der Buchpublikation 1860 ihre Berücksichtigung. Von den – architektonischen – Absichten Cockerells zeugt insbesondere die 1860 schon auf dem Titelblatt erwähnte “Memoir of the  Systems of Proportion employed in the original Design of these Structures. by William Watkiss Lloyd”. Natürlich dienten die Bauaufnahmen in erster Linie dazu, der Architektur ein am Original erkanntes und überprüftes Regelwerk zwecks Befriedigung aller ästhetischen Ansprüche zur Seite zu geben und verfügbar zu machen. Watkiss Lloyd hatte zuvor, zusammen mit Penrose, Proportionsstudien am Parthenon vorgenommen. Sein Augenmerk richtete sich seinen Einsichten entsprechend auf die beiden Proportionierungsmodi der “rectilinear proportions” und der “rectangular proportions”. Auf diese Weise liessen sich verlässliche – und ‘gesicherte’ – Proportionsschemata des griechischen Tempels herstellen.

[Der Text erschien in SCHOLION 6 / 2010]