H. Adam: Vorwärts zu den Quellen

Zur Eröffnung der Bibliothek Werner Oechslin in Einsiedeln

6. Juni 2006, Neue Zürcher Zeitung / NZZ Online http://www.nzz.ch/2006/06/06/fe/articleE6555.print.html

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Zehn Jahre nach der Präsentation von Mario Bottas ersten Skizzen kann am nächsten Freitag die Bibliothek Werner Oechslin in Einsiedeln eröffnet werden. Die hochbedeutende architektur- und geistesgeschichtliche Quellensammlung wird seit 1998 von einer Stiftung genutzt, welche einen Vertrag mit der ETH Zürich abgeschlossen hat.

Vor einigen Jahren galten das Fortleben des Buchs und die Zukunft der Bibliotheken als unsicher. Kulturpessimisten und Modernitätsfanatiker sahen das Gutenberg-Zeitalter am Ende. Doch trotz der digitalen Revolution haben Buch und Bibliothek nicht ausgedient. Denn die Innovationsfrequenz zeitgenössischer Speichertechnik und die eher kurze Lebensdauer der digitalen Medien widersprechen dem Gedanken nachhaltiger Konservierung. Ganz abgesehen davon, dass das Buch als haptisch erfahrbares und überall nutzbares Objekt Annehmlichkeiten besitzt, die der Computer nicht aufweisen kann.

Renaissance der Bibliotheken

Derzeit erleben wir geradezu eine Renaissance der Bibliotheken – vom Medienzentrum der Universität Cottbus von Herzog & de Meuron bis zur Seattle Library von Rem Koolhaas' Office for Metropolitan Architecture. Den Reigen dieser Monumentalbauten eröffnete 1997 Dominique Perrault mit der Bibliothèque Nationale in Paris, und seither haben sich eine Reihe weiterer prominenter Architekten an der Bauaufgabe versucht: Mecanoo in Delft, Wiel Arets in Utrecht, Norman Foster in Berlin, Ortner & Ortner in Dresden oder Santiago Calatrava in Zürich. Nicht zu übersehen ist dabei, dass sich das Selbstverständnis vieler Bibliotheken gewandelt hat. Unter dem Druck der Politik, die Werte lieber quantitativ (anhand der Anzahl Nutzer) als qualitativ (anhand der Bestände) evaluiert, sind Bibliotheken sukzessive zu öffentlichen Dienstleistungsunternehmen geworden.

Typologisch hat die Demokratisierung der Kultur schon in den gestaffelten Bibliothekssälen von Alvar Aalto ihren Ausdruck gefunden. Und seit Will Alsops Peckham Library im Londoner Problembezirk Southwark übernehmen Bibliotheken zunehmend soziale Funktionen. Um die Schwellenangst zu senken, heissen die beiden von David Adjaye entworfenen Gebäude im Osten Londons «Idea Store» und verstehen sich als eine Mischung aus Stadtbücherei, Medienkiosk, Internetcafé und Kreativzentrum.

Leidenschaftliche Sammlungstätigkeit

Bei aller Nähe zum Alltag sollte nicht vergessen werden, dass Bibliotheken der Selbstvergewisserung im Jetzt dienen; es sind Orte, an denen man sich verlieren kann, um sich auf höherer Ebene wiederzufinden. Einen visionären Bildungsanspruch verkörpert hierzulande die Bibliothek Werner Oechslin, die am kommenden Freitag in einem von Mario Botta entworfenen Gebäude in Einsiedeln eröffnet werden kann. Seit seiner Studienzeit hat Oechslin, Professor für Architekturgeschichte und langjähriger Leiter des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich, leidenschaftlich Bücher gesammelt und eine weltweit einzigartige Bibliothek geschaffen. Weit mehr als 50'000 Bände umfasst der Bestand, dessen Kern Quellenschriften zur Architekturtheorie des 15. bis 20. Jahrhunderts darstellen.

Dank unermüdlicher Sammlungstätigkeit ist es Oechslin gelungen, einen schier unermesslichen Fundus an Originalausgaben zusammenzutragen; viele davon sind nur in der Einsiedler Bibliothek nachgewiesen. Nach Möglichkeit die ersten Editionen aufzutreiben, ist eine Leitlinie seiner Ankäufe; es geht nicht allein um den Text, sondern auch darum, wie dieser im Buch präsentiert wird. Spätere Editionen weisen nämlich häufig eine veränderte Textgestalt auf. Für eine ernsthafte historische Forschung bleiben die Erstausgaben daher unverzichtbar. Heute ein Oechslins Sammlung vergleichbares Unternehmen zu beginnen, wäre unmöglich: Seltene Publikationen sind deutlich schwieriger zu erwerben – und dann nur zu überhöhten Preisen.

Doch Oechslin hat sich nicht auf Architektur- und Kunsttheorie beschränkt. Von fachspezifischen Sammlungen unterscheidet sich seine Kollektion durch Fokussierung auf die Quellen und eine breitere Konzeption. Über Jahrhunderte war Architektur eingebettet in ein geisteswissenschaftliches Umfeld, dessen man sich erst im 20. Jahrhundert entledigen zu können glaubte. In Oechslins Bibliothek finden die Disziplinen wieder zusammen: Theologie und Kunst, Mathematik und Architektur, aber auch Geschichte, Physik, Astronomie oder Gestaltpsychologie. Mit dieser Ausrichtung stellt diese Sammlung andere wertvolle Architekturbibliotheken deutlich in den Schatten, etwa die auf Preziosen fokussierte Privatkollektion des Kölner Architekten Oswald Mathias Ungers. Sucht man einen Vergleich, so könnte man am ehesten an die legendäre, seit 1903 in Hamburg (nach anderen Kriterien) aufgebaute Kulturwissenschaftliche Bibliothek des Begründers der Ikonologie, Aby Warburg, denken, die 1933 nach London verschifft wurde und im Warburg Institute der University of London ihr neues Domizil gefunden hat.

Das Bibliotheksgebäude wird über eine steile Treppe erschlossen – Teil der Achse, die sich durch das Haus zieht und für Oechslin den das Grundstück querenden Jakobsweg als Verbindung von nord- und südeuropäischer Kultur symbolisiert. Aufbau und Ausstattung der Bibliothek folgen den Vorstellungen ihres Gründers, und so trifft man zunächst im Vestibül – wie in den Bibliotheken der Vergangenheit – nicht auf Bücher, sondern auf Bildwerke und Inschriften. Man sieht Darstellungen von Alexander, der mit der Aufbewahrung der homerischen Schriften gleichsam die Bibliothek erfunden hat, von Aeneas und von Cäsar, man liest anspielungsreiche Zitate antiker und nachantiker Autoren, die um die Bibliothek als Haus des Wissens kreisen. Weitere Inschriften finden sich an der Decke des Bibliothekssaals, in dessen Flucht ein Abguss der Laokoongruppe steht; in zwei Regalgeschossen übereinander – wie in einer Klosterbibliothek – sind auf der einen Seite heilsgeschichtliche und historische, auf der anderen Seite architektonische Quellenschriften untergebracht.

Die öffentlichen Bereiche der Bibliothek setzen sich fort in einer unterirdischen Rotunde mit einer Kopie der babylonischen Hammurabi-Stele sowie den Büsten von Perikles, Voltaire, Goethe und Nietzsche. Ein Tor aus Felsbrocken führt hinab in den privaten, noch anspielungsreicher ausgestatteten Teil, der sich unter dem Wohnhaus verbirgt. Auf das Bild des Chaos folgt ein Raum mit einem Bücherregal über dem Grundriss des Ursymbols einer Spirale; seinen Abschluss findet der Rundgang im orthogonalen Grafik-Saal.

Vorbildliche Stiftung

Die Bibliothek und ihr Ordnungsprinzip sind ohne die Leidenschaft ihres Stifters nicht zu verstehen. Auch wenn sie weiter wächst, bleibt das Grundsystem der Aufstellung bestehen. Oechslin hat es, anknüpfend an Ideen der Mnemotechnik, so konzipiert, dass die Ordnung der Bücher selbst als Orientierungsinstrument funktioniert. Dabei stösst naturgemäss in jeder Bibliothek die Ordnung an ihre Grenzen, streift die Willkürlichkeit und lässt eine labyrinthische Dimension aufscheinen, die unerwartete Entdeckungen ermöglicht. In dieser Konzeption manifestiert sich ein Bildungsverständnis, das den Verantwortlichen für Bildung in einer Zeit fremd geworden ist, da die Studenten das Universitätscurriculum möglichst schnell durchlaufen sollen. Dabei sind geistige Synthesen heute nötiger denn je.

Ebenso exzeptionell wie das Konzept der Bibliothek ist Oechslins Generosität. Weil Bibliotheken für ihn explizit Orte des Austauschs und somit der Öffentlichkeit sind, kann seine Privatsammlung seit 1998 von einer Stiftung genutzt werden, die mit der ETH Zürich einen Vertrag geschlossen hat. Aus Mitteln der Hochschule konnte mit der Inventarisierung der zu einem Grossteil noch nicht erschlossenen Bestände begonnen werden. Weiteres Engagement ist aber nötig, um in Zukunft eine dauerhafte Öffnung für die Nutzer zu garantieren. Noch scheint es so, als wüsste die Hochschulleitung nicht, mit was für einem Schatz sie es hier zu tun hat.

Hubertus Adam

06.06.2006 13:56

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