A. Gleiniger: Neue Wissensordnung

Neue Wissensordnung - Die Bibliothek Werner Oechslin von Mario Botta / Andrea Gleininger

6. Juni 2006, Bauwelt, Jg. 97, H. 23, S. 18-22

Wer im Panorama von Einsiedeln nach dem neuen Bibliotheksbau von Mario Botta Ausschau hält, sucht lange vergeblich. In einer Kulisse aus schneeglänzenden Alpenketten und idyllisch mit Waldstücken und Wiesenmatten ausgelegten Berg- und Hügelkuppen,
blinkt ein See und macht vor allem das Kloster mit seiner alles überragenden Doppelturmfassade Effekt.

Städtebaulich ist der Wallfahrtsort kein Idyll mehr. Zwar gibt der von Barockfassaden gerahmte Platz vor dem Kloster noch immer eine treffliche Bühne ab. Doch auch hier sind die Ränder des rund 13.000 Seelen zählenden Ortes längst ausgefranst und von den üblichen Trivialitäten zerfressen; eine Infrastruktur, die im übrigen massenweise Touristen und Pilger verkraften muss, tut das ihrige. Höhepunkt ist eine vor nicht allzu langer Zeit errichtete Skischanze, die sich dem Klosterprospekt gegenüber sperrig in die Höhe reckt. Wenn wir zu ahnen beginnen, wo in all diesem „Treiben“ sich der neue Bibliotheksbau von Mario Botta verbirgt, bemerken wir auch schnell das etwas schwermütig dreinblickende Haus in einem unscheinbaren und verschlissenen Fassadengewand. Hätten wir je vermutet, dass hier alles seinen Anfang nahm? Die Bibliothek von Botta ist die Bibliothek von Werner Oechslin, eine mittlerweile auf rund 50.000 Bände angewachsene Sammlung mit exquisitem Bestand und von elaboriertem Zuschnitt, die hier, in seinem Elternhaus, schon früh einen Ort und nun auch neue Räume gefunden hat.
Wir haben schon lange nicht mehr vom Genius loci geredet. Das, allen voran von Christian Norberg-Schulz, seinerzeit in den Architekturdiskurs eingeführte Paradigma einer Architekturhaltung, in der sowohl die reale Beschaffenheit, als auch der geistige-ideelle Charakter des Ortes zu einem wesentlichen Entwurfsthema wird, musste sich wohl erst eine längere Zeit von seinen Abnutzungserscheinungen durch die Postmoderne erholen. Dessen ungeachtet ist der Genius loci im Schaffen einiger Architekten fest verankert, auch wenn er dort nicht immer das Entwurfsthema dominiert. Ein solcher Architekt ist Mario Botta.

Nun mag man ihm angesichts des Formats und der Statur seiner Bauwerke unterstellen, er verwechsle den Genius loci mit dem Genius seiner mächtigen unverwechselbaren architektonischen Geometrie; doch kommt er immer wieder auf den Ort als wesentliche Grundlage des Entwurfs zurück und extemporiert ihn in vielfältigen typologischen Variationen und topografischen Situationen. Die Inszenierung eines spannungsreichen Verhältnisses von Kubus, Quader und Zylinder unterschiedlicher Größe ist zu seinem Markenzeichen geworden und durchzieht in einer breitgefächerten Morphologie seine Entwurfsarbeit.

In Einsiedeln hat der Tessiner Architekt den Dialog dieser Grundformen in ein geschmeidiges Beziehungsgefüge verwandelt, das sowohl den konkreten Gegebenheiten als auch der Geschichtsträchtigkeit des Ortes Rechnung trägt: Da ist auf der einen Seite das 934 gegrün dete Kloster, das nicht zuletzt mit seiner eigenen, bedeutenden Bibliothek einen Maßstab setzt und das Motiv der barocken zweigeschossigen Emporenbibliothek wie selbstverständlich werden lässt. Da ist auf der anderen Seite eine geografische und topografische Befindlichkeit, die dem ganzen Projekt seine metaphorische Weihe und der Architektur ihr Leitmotiv gibt. Hier, wo die Straßenbezeichnung „Luegeten“ vor allem auf die exzeptionelle Sichtbeziehung zwischen dem aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammenden Wohnhaus und dem Kloster verweist, verlief der Jakobsweg, jene berühmte Pilgerroute in das spanische Santiago de Compostela. Einsiedeln war ein „Scharnier“ auf diesem Weg, der den Norden mit dem Süden, die „germanische mit der lateinischen Welt“ verband. Bottas Architektur dramatisiert diese Beziehung der geografischen und der kulturellen Räume bis ins Detail. Der Weg wird zum alles begleitenden Motiv, die Inszenierung der Verschränkung der realen und ideelen Räume zum Movens einer Konzeption, in der sich nicht zuletzt auch die unterscheidlichen Vorstellungswelten von Architekt und Bauherr treffen. Und das will etwas heißen: Denn Werner Oechslin ist kein Bauherr nach jedes Architekten Geschmack. Als Architekturtheoretiker und -historiker, der nicht nur eine überaus kenntnisreiche, sondern nachgerade intime Beziehung zu seinem Sammlungs- und Forschungsgegenstand unterhält, konfrontierte er den Architekten seiner Wahl auch mit einer höchst eigensinnigen Vorstellung vom Wesen seiner Bibliothek, in der eine eindrucksvolle Fülle von Quellentexten zur Architektur und Architekturtheorie seit dem 15. Jahrhundert versammelt ist, in „guter Nachbarschaft“ (Aby Warburg) zu den übrigen kultur- und geisteswissenschaftlichen Wissensräumen und -ordnungen.

Dass das kein Architekt mit zu speziellen eigenen architekturtheoretischen Ambitionen sein konnte, von denen es an der Zürcher ETH, an die Oechslin Mitte der achtziger Jahre berufen worden war, nicht nur in den Hochzeiten der Postmoderne nur so wimmelte, versteht sich von selbst. Doch dass es gleichzeitig ein Architekt sein musste, der den Vorstellungen des Bauherrn mit einer Konzeption zu entsprechen wusste, die sich aus den genuin architektonischen Möglichkeiten von Volumen und Raum, Tektonik und Material ableitet, auch.

In den frühen Anfängen des Bibliotheksprojekts war nur von einer unterirdischen Erweiterung der Büchergelasse die Rede gewesen, ein Vorhaben, das heute noch in einer Rotunde sichtbar ist, die den Nukleus für Forschungsgemächer von eher privatem Charakter darstellt. Mit dem Anwachsen des Bücherbestandes und der Transformation der privaten in eine Stiftungsbibliothek wandelte sich der Entwurf zum Konzept einer selbstbewussten architektonischen Geste. Das erschien umso legitimer und bedeutsamer als nicht nur der lange vernachlässigten Quellenforschung als architekturgeschichtlicher Selbstvergewisserung ein sichtbares architektonisches Zeichen gesetzt werden sollte. Angesichts des viel beschworenen Untergangs der Gutenberggalaxis durch die digitalen Medien und die virtuellen Informationsräume schien es überdies mehr als angemessen, einen visuell und körperlich erfahrbaren realen Raum zu schaffen, in dem die ungebrochene Imaginationskraft des geschriebenen und gedruckten Wortes in anschaulicher Weise zum Ausdruck kommt.

Und dafür hat Werner Oechslin gesorgt, der vor allem dem eigentlichen Bibliotheksraum eine unvergleichliche Prägung gibt. Dieser an barocken Vorbildern orientierte und zwei Geschosse umfassende Raum birgt nicht nur ein unerwartetes Volumen. Seine Wände, die hier im eigentlichen Sinne zu Bücherwänden werden, treffen den Eintretenden mit einer von außen kaum erwarteten Wucht.

Zwar mag es uns hin und wieder erscheinen, als habe der Bauherr seine Lust am intellektuellen Instrumentieren und Orchestrieren eines in vielen Lese- und Forschungsjahrzehnten gewonnenen Bildungsprogramms kaum zu bändigen gewusst. Doch in der opulenten Ausstattung mit Inschriften und Text, bildlichen und architektonischer Anspielung wird die Leidenschaft sichtbar, mit der einer nicht nur Bücher sammelt, sondern im Steinbruch der Quellen immer neue Schätze hebt und in seiner Arbeit lebendig werden lässt. Oechslin beschreibt die Programmatik der von ihm federführend konzipierten und ausgestalteten Räu me (Seite 23), in denen nicht nur gebildete, sondern vor allem „bewegte Betrachter“ und wissbegierige Benutzer sich auf Forschungsreisen begeben sollen.

Umso bemerkenswerter ist es, dass es Botta am Ende geschafft und verkraftet hat, dem Bauherren „seinen Bleistift“ zu leihen. Auf das sanft modulierte Grundstück am „Luegeten“ hat er ein Bauwerk gesetzt, das sich nach Außen artikuliert und nach Innen zurückhält und auf vielerlei Arten Bezug auf seine Umgebung nimmt.

Im Dialog mit dem fast quadratischen klassizistischen Wohnhaus auf der einen und der bewegten Hanglage auf der anderen Seite hat Botta einen lang gestreckten Baukörper entwickelt, der nicht nur das Motiv des Weges in vielerlei Hinsicht aufnimmt und transformiert. Die körperhafte Behandlung des Volumens generiert auch eine eigengesetzliche Räumlichkeit: Gegenüber der ansteigenden Hügellandschaft holt der Bau zu einem mäßig geschwungenen Bogen aus, der an Bottas Fondation Dürrenmatt in Neuchâtel (1992–1997) erinnert. Seine körperliche Präsenz wird durch die prononciert eingesetzte Materialität der sorgsam verfugten Natursteinfassade aus Rosso di Verona, dessen Farbe und Konsistenz in einem wirkungsvollen Kontrast zur natürlichen wie architektonischen Umgebung stehen, betont. Gleichzeitig rhythmisieren horizontale Bänder aus kleinformatigen Fenstermotiven und vertikale Schlitze diesen Ablauf mit Akzenten und Zäsuren, die sich sowohl auf die Topografie, als auch auf die innere Raumabwicklung beziehen. Die Nachbarschaft zu dem bestehenden Wohnhaus nutzt Botta dazu, das Haus zu öffnen. Hier, wo der Weg seine Passage durch das Gebäude nimmt, erinnert das zwischen bauchig wirkenden „Säulen“ verglaste Erdgeschoss ein wenig an einen Kreuzgang: Dieser zelebriert das meditative Wandeln in der Verschränkung der Wissensräume auf der einen und der realen Umgebungsräume auf der anderen und gibt gleichzeitig dem Platz vor dem Haus eine Einfriedung. Es entsteht ein „Gefühl des Beschütztseins“, das Botta dann gelingt, „wenn ein starker Kontrast zwischen Leere und Fülle hergestellt wird,“ wie er es selbst formulierte.

So dient sich der Baukörper in Umriss und Proportion dem Grundstück und dem Format des Wohnhauses an. Gegenüber dem Ort und vor allem der Klosteranlage wagt der Architekt eine von der Topografie begünstigte, architektonische Geste, die bei aller Zurückhaltung das Selbstbewusstsein des neuen Bibliotheksbaus zum Ausdruck bringt: An der schmalen Nordflanke, wo sich der Haupteingang befindet, erhebt sich der Bau über einer erstaunlich lang gestreckten und in kleinen raffinierten Unregelmäßigkeiten geführten Freitreppe, die einen ganz nebenbei auch die Mühsal des Anstiegs in die lichten „Gefilde des Geistes“ assoziieren lässt. Und die senkrecht geschlitzte Öffnung des Baukörpers, die von Innen formidable Blicke auf das Kloster frei gibt, dramatisiert nicht nur den architektonischen Auftakt und die Sichtbeziehung, sie ist auch die Initiation einer Lichtführung, die die Architektur, wie schon in anderen Bauten Bottas, von allen Seiten belebt und durchdringt.

An der Südseite der Bibliothek findet die vertikale Dynamik der Eingangssituation in einer ungleich gelasseneren, horizontalen Geste, eine Antwort: Ein kulissenartiges Arkadenfragmententlässt den Weg durch das Gebäude wieder in die Landschaft. Teil dieser Landschaft wird auch eine Gartengestaltung sein, in der sich die anspielungsreiche Bildungsprogrammatik der Bibliothek mit Versatzstücken klassischer „Bildungslandschaften“ fortsetzt.

Wenn Mario Botta einmal formuliert hat, dass er „fest davon überzeugt (sei), dass die Arbeit des Architekten heutzutage eine neue Dimension für die Suche nach Raum und Gedächtnis eröffnet“ und wir „je mehr Beschleunigung es im Leben gibt, umso mehr (...) das Gedächtnis (brauchen)“, dann hat er mit der Aufgabe in Einsiedeln den richtigen Ort und ein Thema gefunden. Die vielleicht nicht immer ganz freiwillige Zurückhaltung, die er sich auferlegen musste, hat dabei mehr genutzt als geschadet und einmal mehr deutlich gemacht, was Mario Botta auch und vor allem ist: ein Architekt des kleinen Formats.

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