Werner Oechslin: Hic tibi certa domus

Hic tibi certa domus - Zur Geschichte der Bibliothek / von Werner Oechslin

6. Juni 2006, Bauwelt, Jg. 97, H. 23, S. 23-27

Das Bauen einer Bibliothek ist nicht alltäglich, vor allem in dieser – unserer – Ausrichtung und Zielsetzung und der entsprechenden, durch die Inhalte und die wissenschaftlichen und kulturellen Absichten bestimmten Ausstattung.

Seitdem wir mit Mario Botta die ersten Überlegungen anstellten, seitdem er die „erste Skizze“ über das Konzept legte, die dann auch erstaunlich getreu in den Bau übersetzt wurde, und seitdem er dann, wie er sagt, uns „seinen Bleistift lieh“, sind vierzehn Jahre vergangen. Seit zehn Jahren leben und arbeiten wir in einer Baustelle, die nun endlich den Umgebungsarbeiten und dann einem Garten weichen wird. Das war ein mühsamer, langer Weg. Und als ob wir es geahnt hätten, war gerade der Weg von Anfang an das Leitmotiv der Bibliothek. Schließlich führte durch das Grundstück der alte Pilgerweg nach Santiago de Compostela und das bestehende Haus war – auf diesen Weg gesetzt, – auf die barocke Fassade des Klosters Einsiedeln ausgerichtet und deshalb „Gottshuusluegeten“ benannt. Man sah, von Süden kommend, von hier aus zum ersten Mal das schon früh wegen seiner monumentalen Erscheinung mit dem Escorial vergliche ne Kloster, oder wendete sich von dort herkommend eben von ihm ab, um – wie beispielsweise Goethe – nach Süden weiterzuziehen. Die Bibliothek sollte also auf dem Weg zu liegen kommen. Nichts wäre sinnvoller als den Aufenthalt in einer Bibliothek und die darin verfolgte Tätigkeit, das „Lesen und Verstehen“, als „Ein-paar-Schritte-eines-Lebens Weitergehen“ zu verstehen. Für Mario Botta wurde der Weg zu einem Bleistiftstrich und der Bleistiftstrich wurde zur Mauer aus Rosso di Verona. Der Rest ergab sich zwangsläufig aus dem ansteigenden Gelände und dem engen bebaubaren Grundstück zwischen einigen alten Bäumen und dem Hügel, gegen den sich der Bau mit seiner konvexen Flanke stemmt. Man erreicht die Bibliothek über eine Treppe und hält, oben angelangt, inne. Man befindet sich in einem Eingangsbereich, in dem erklärt wird, wie – mit dem von Alexander der Große verfügten Akt der Aufbewahrung der homerischen Schriften im Sarkophag Achills – die Bibliothek „erfunden“ wurde, und man liest die darüber gestülpte „humanistische“ Fiktion des Baldassar Castiglione, die diesen – von Raphael in Szene gesetzten Akt – ausschmückt:

„Giunto Alessandro a la famosa tomba

Del fero Achille, sospirando disse,

O fortunato che si chiara tromba

Trovasti, & chi di te si alto scrisse.“

Die Bibliothek als Verlängerung der Geschichte durch das Gedächtnis: „vita memoriae“! Nach altem Muster beginnt die Bibliothek nicht nur mit dem Buch, sondern mit Bild und Bildwerken (Gipsbüsten etwa) und Inschriften zu erklären, was sie ist und was sie will. Wenn man seitlich vom Korridor (dem „Weg“) in den Bibliothekssaal gelangt und dabei über die wohl berühmteste Bibliotheksinschrift, „psychès iatreion“, der Metapher eines Seelenspitals, geht, so finden sich dort an der Decke wieder Inschriften. Die erste lautet „DIC CUR HIC“. Leibniz übersetzte dies in das französische „Où en sommes-nous?“, und meinte, man sollte innehalten, sich gelegentlich einen Moment der Besinnung gönnen, tief atmen und nachdenken. Schelling andererseits wählte das „DIC CUR HIC“ aus gegebenem Anlass zum Motto seiner Berliner Antrittsvorlesung, als er zum Leidwesen der enttäuschten Hegelschüler dessen Stuhl einnahm und sich nun anschickte, dies zu begründen und rechtzufertigen. So ergibt sich auch hier die Vorstellung eines ständigen sich Vergewisserns über den Sinn seines geistigen Tuns. Unter dieser Inschrift steht an der Treppenmauer das schopenhauerische Motiv der „PEREGRINATIO“. Darunter wiederum hängt ein Bild des Odysseus, den, zurück in Ithaka, gerade noch sein Hund erkennt.

Immer wieder das Motiv des Weges! Eingekleidet in einen „trojanischen Zyklus“ mit all seinen irreführenden und doch zielgerichteten Fährten! Schließlich ist der Geschichte ciceronianisch der „testis temporum“ und die „nuntia vetustatis“ sinnstiftend einverleibt. Auf die raphaelische Szene mit Alexander blickt beim Eingang nachdenklich die Melancholia („nox erat“ steht daneben). Und in derselben Denkerpose findet man – in Salvator Rosas Stich – den Erben und Fortsetzer der trojanischen Geschichte, Aeneas, der gerade träumt und dem gemäß Vergil das Traumgesicht mitteilt: „Hic tibi certa domus“. So ist es zu deuten: Die Bücher haben – endlich – ihr Haus, ihre Bibliothek gefunden. Damit das sicher sei: Beim Zugang mit dem „psychès iatreion“ (und dem „TOLLE LEGE“) hängt der Stich Marcantonio Raimondis des „QUOS EGO“: Man lasse ihn endlich zur Ruhe und zu seinem Ziel kommen.

Natürlich passen all diese Anspielungen wie maßgeschneidert zur geisteswissenschaftlichen Natur der Bibliothek. Diese findet ihre tiefere Begründung in der geschichtlichen Dynamik stetigen Wandelns und Veränderns, gerade weil eine absolute Gewissheit – außerhalb des rein Mathematischen – nicht zu finden ist. Das kann der Bibliotheksbenützer – wiederum konkret erfahren. Der Bibliotheksraum ist, bedingt durch die Enge des Grundstücks, schmal. Die Bücher befinden sich rundum auf zwei Geschossen wie in alten Klosterbibliotheken. Wie soll man zu den Büchern gelangen, wenn die Galerie – wegen der Enge des Raums – nur auf einer Seite angebracht ist? Ein trojanisches Pferd, ein friedlichen Zwecken angepasster verschiebbarer Belagerungsturm muss her (um gefährliche, fragile Treppen zu vermeiden). Das Modell ist schnell (im Archivio di Stato in Turin) gefunden. Die Idee solcher Transformation ist andererseits so alt wie humanistischer Einfallsreichtum. Der 1453 aus Konstantinopel nach Florenz geflüchtete Argyropoulos meint in Anbetracht der mediceischen Kulturblüte: „tamquam ex equo Troiano quamplures prodiere viri eruditissimi“! Gelehrte, Geistesfürsten ebensoviele wie Krieger im Bauch des hölzernen Pferdes! Claude Clément, der Autor der wohl bedeutendsten frühen „Bibliothekstheorie“ bindet diese Metapher an die von ihm als ein unabdingbares Prinzip einer Bibliothek hochgehaltene „comparanda eruditio“: Bildung und Kultur sind Dinge, die man teilt, vermittelt, in den Vergleich setzt, wodurch sie erst ihre kulturelle Bedeutung erhalten.

Da das trojanische Pferd einer List des Odysseus entsprang, soll man aber auch gefälligst vorsichtig sein, wenn man die Bücher aus dem Regal nimmt und liest. Es war Laokoon, dessen Mahnung, dessen „Wahrheit“ ungehört blieb. Und so steht auch in der Bibliothek – ständig im Blickfeld – der Laokoon mit dem Motto (nach Plinius) „Graecum est nil velare“. Die „nuda veritas“, die uneingeschränkte Wahrheitssuche sei das Ziel jeden Studiums! So führt der trojanische Zyklus, so führen Bild und Inschrift und Gipsstatue und Möbel zum tieferen Sinn und Zweck der Bibliothek. Von der Sinnhaftigkeit der Bibliothek und des Buches ging alles aus: gemäß dem Motto „et visui et usui“ eines Nürnberger Bibliothekars mit dem Namen Leibnitz. Über Die Sinne geht das Verstehen. So knüpft man an den alten (mne motechnischen) und den neuen (Warburgs Diktum von der „guten Nachbarschaft“ des Buches) Vorstellungen einer Bibliothek an, deren Bücherordnung eine tiefere Sinn-Ordnung nicht nur abstrakt symbolisiert, sondern konkret verkörpert.

Als das Abenteuer dieser Bibliothek begann, waren es durchwegs „antizyklische Vorstellungen“, die uns leiteten. Man hatte gerade be gonnen, die Privatisierungslust auch auf Dinge wie Bildung und Hochschule auszudehnen. Wir meinten jedoch, Kultur und Bildung und somit eine Bibliothek müssten öffentlich sein und blei ben. Man kündigte an, dass demnächst das Buch verschwinden und sich in der ach so modernen virtuellen Welt auflösen würde. Seit her sind die Papierberge weiter und noch schneller gewachsen. Und die Verantwortlichen sind mehr denn je um eine Antwort verlegen, wenn man danach fragt, ob und wie dann gefälligst aufbewahrt und gesichert werden soll. Die Verlässlichkeit virtueller „Tatsachen“ ist ungewiss. Man sehnt sich inzwischen wieder nach einer physischen, nach einer „wirklichen“ Welt. Das dritte „antizyklische“ Moment ist wohl das wichtigste. Gegen den grenzenlosen Optimismus unendlich wachsender Informationen – und Wissensvermehrung – galt es, die Bedeutung der Grenzen ganz im Sinne der Endlichkeit unseres Aufnahmevermögens und unserer Existenz geltend zu machen. Das Modell unendlich vieler Spezialisten mit je ausuferndem Detailwissen (Wem sollte dann noch der Überblick zugetraut werden? Dem Politiker etwa?) konnte gegenüber dem ständigen Bedürfnis nach Übersicht allein nicht bestehen. „Denkökonomie“ war und ist angesagt. Das bildet auch die eigentliche Herausforderung einer Bibliothek „unseren“ Zuschnitts; und die oben eingeführten Ingredienzien sind bloße Hilfestellung

zu diesem einen und großen Ziel, der Bibliothek ihren alten Sinn eines Orientierungsinstruments, zu verleihen. Schließlich verbindet sich gerade dies mit all jenen Gedanken, die Philosophen zur Entsprechung von Sinneswahrnehmung und geistigem Gehalt vorgebracht haben: „Wir fanden gleich bey der Betrachtung der äußern Sinnesanschauungen eine gewisse vereinigende Anschauung, durch die wir eigentlich erst die Vorstellung der Dinge außer uns erhalten, welche nicht in der Empfindung erhalten ist, sondern allen Empfindungsweisen zugleich zu Grunde liegt, und macht, dass wir durch die eine und andere denselben Gegenstand erkennen.“ So beispielsweise Jacob Friedrich Fries! Ganz wörtlich „auf den Punkt gebracht“ ließen sich solche Erläuterungen auf das Prinzip des „auf einen Blick (erkennen)“ zurückführen. Die Bibliothek ist eben mehr als die Summe ihrer Bücher, sie ist insgesamt eine „Wissensform“, die man vorerst als Ganzes wahr nimmt, und in der eine gewisse Ordnung dafür sorgt, dass das Ganze und die Teile aufeinander bezogen sind, auf dass sich – dank dieser Ordnung – der Leser zurechtfinde, und, was entscheidend ist, auf dass er sich dabei von dem schon Gedachten inspirieren und stützen lasse. Auch das ist – praktische – „Denkökonomie“! Es ist eben mehr als bloßer Zufall, dass die Bücher zur modernen Theorie der Architektur über den Büchern zur klassischen Architektur (Le Corbusier im Obergeschoss über Blondel im Untergeschoss) zu stehen kommen. Die äußere Ordnung steht sinnbildhaft für eine innere – und zwar so, dass dies als Hinweis, als Gedächtnisstütze und als Anregung begriffen werden kann. Die Bibliothek ist also als Ganzes in einem Raum (oder mehreren) zusammengefügt! Dass hier letztlich Buch, Bücher gestell und Architektur eine Symbiose eingehen, ergibt sich wie von selbst. Schließlich hat ja Kant „Architektonik“ als die „Kunst der Systeme“ begriffen und damit eine Tradition bestärkt. Das ist kein bloßes „Zitat“. In der Bibliothek wird dies konkret, physisch und materiell umgesetzt mitsamt der deshalb „sinn vollen Bibliotheksordnung“: „visui et usui“. Man befindet sich mit solchen Vorstellungen in mitten einer langen Bibliotheks- und Wissenstradition. Und es gibt eigentlich keinen Grund, auf die darin gegebenen Vorteile und Vorzüge zu verzichten, schon gar nicht, wenn dies, die letztlich kultur- und geistesgeschichtliche Aus richtung das eigentliche Thema der Bibliothek ist.

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