R. Hollenstein: Burg der Bücher

Mario Bottas Bibliotheksgebäude / Von Roman Hollenstein

6. Juni 2006, Neue Zürcher Zeitung / NZZ Online http://www.nzz.ch/2006/06/06/fe/articleE61PB.print.html

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Manch ein Besucher mag sich beim Verlassen der Einsiedler Klosterkirche über das rötliche Gebäude wundern, das seit einiger Zeit am Hügel hinter dem Dorf zu kleben scheint. Spürt man dem Bauwerk nach, so gelangt man auf den historischen Jakobsweg. Wo dieser steinig wird, findet man sich vor einer Treppenkaskade wieder, an deren Ende das burgartige, mit Veroneser Stein verkleidete Haus steht. Es handelt sich um eine Bibliothek, deren konvex sich gegen den Hang stemmende Ostwand Raum für die Bücher schafft. Der Westwand entlang gelangt man an Vitrinen vorbei zum Garten, den der Auftraggeber Werner Oechslin mit Statuen und Grotten in ein kleines Bomarzo verwandelt hat.

Der Eingang befindet sich am Ende der Freitreppe, wo sich die beiden Steinwangen des im Grundriss D-förmigen Gebäudes nach Norden hin zu einem hohen Schlund verengen. Schon im Vestibül bereitet eine Kopie von Raffaels «Alexander lässt die homerischen Schriften im Sarkophag Achills aufbewahren» auf den Hauptraum vor, der sich als Neuinterpretation der barocken Klosterbibliothek erweist: mit vertäfelten Regalen und dramatisch beleuchteter Laokoongruppe. Dem introvertierten Büchersaal antwortet auf der Höhe der Galerie ein Besprechungsraum mit Blick auf die Klosterkirche. Spätestens hier zeigt es sich, dass Botta aus einem Minimum an Volumen ein Maximum an Raum zu schaffen wusste. Dabei klärt die durch die Westwand definierte Rue intérieure die internen Abläufe und deutet zudem einen von Informations- und Datenströmen unberührten Pfad der Erkenntnis an.

Realität wurde dieser Tempel der Gelehrsamkeit, nachdem Oechslin beschlossen hatte, sein spätklassizistisches Privathaus um einen Neubau für die rund 50 000 Bände starke Büchersammlung zu erweitern. Die Wahl fiel 1996 auf Botta, weil dessen Formensprache und dessen Verwurzelung in der lateinischen Kultur den Idealen des Bauherrn mehr entsprachen als die an historischen Typologien wenig interessierte Sachlichkeit der Deutschschweizer. Bis 1998 entstanden die unterirdischen Räume mit der Alt- und Neubau gelenkartig verbindenden Rotunde, die Oechslin in ein postmodern anmutendes Gesamtkunstwerk des Bücherwissens verwandelte.

Der Bau, der nun nach einigen Verzögerungen vollendet wurde, erweist sich als Gegenstück zu Bottas genialem Frühwerk, der von Louis Kahn beeinflussten Luganeser Klosterbibliothek. Anders als dieses formsichere unterirdische Gebäude ist die Oechslin-Bibliothek nicht frei von Kompromissen. Sie manifestieren sich etwa im runden, zwischen Wohnhaus und Bibliothek vermittelnden Glaspavillon des Wintergartens oder in der hohen, von Fenstern durchbrochenen Westmauer. Diese geht - vom Wohnhaus her gesehen - etwas gar brüsk in eine industriell anmutende Blechtonne über, welche die hangseitig belichteten Büroräumlichkeiten beherbergt. Solche formale Ungereimtheiten werden aber wettgemacht durch die perfekte Einbettung des Gebäudes in die Landschaft und durch die geschickt inszenierte Nordansicht, die dem kleinen Bücherhaus eine angemessene Monumentalität verleiht.

Roman Hollenstein

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06.06.2006 13:57