Ch. Wehrli: Kulturauftrag der ETH

Kerngeschäft und Kulturauftrag der ETH – Die Einbindung der Bibliothek Oechslin / Von Christoph Wehrli

6. Juni 2006, Neue Zürcher Zeitung / NZZ Online http://www.nzz.ch/2006/06/06/fe/articleE5WXR.print.html

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Zwischen der ETH Zürich und der Bibliothek Werner Oechslin bestehen mehrfache Beziehungen, und sie sollen in Zukunft noch verstärkt werden. Als sich ihr Professor für Kunst- und Architekturgeschichte entschloss, einen Teil seiner einzigartigen Büchersammlung einer noch zu gründenden Stiftung zu übergeben, beteiligte sich die Hochschule 1998 an diesem Unterfangen. Sie stellt, wie von Rektor Konrad Osterwalder zu erfahren ist, drei Mitglieder des Stiftungsrats und steuert aufgrund eines Nutzungsvertrags während zehn Jahren je maximal 400 000 Franken an die Erschliessung und den Betrieb der Bibliothek bei. Der Neubau wurde ohne öffentliche Mittel der ETH realisiert (ein Darlehen stammt von einer Stiftung). Seine Eröffnung ist ein Anlass, das Verhältnis zur Mitstifterin neu zu regeln.

Ein Forschungsmittel, kein Museum

Werner Oechslin, von 1986 bis 2006 Vorsteher des ETH-Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur (GTA), versteht seine Bibliothek nicht als Museum, sondern als Forschungsinstrument. Er habe sie über Jahrzehnte aufgebaut, um die in der Schweiz noch ungünstigen Voraussetzungen für eine theoretische und dabei von den Quellen ausgehende Auseinandersetzung mit der Architektur zu verbessern. Er meint damit speziell eine «nichtmathematische» Wissenschaft, die im Kontext der Veränderung und unter Bedingungen der Unsicherheit arbeitet. «Daher braucht es mehr als ein Buch» – und auch beim Bestand von 50 000 Bänden soll die Sammlung nicht stehen bleiben.

Bis jetzt finden in der Bibliothek Barock-Sommerkurse und andere internationale Tagungen statt. In gewissem Sinn schwieriger sei die Vernetzung in der Schweiz, konstatiert Oechslin. Er kann sich beispielsweise Kurse für ETH-Doktoranden vorstellen, aber auch Besuche von Studierenden, die dadurch zur Forschung angeregt würden. Das Departement Architektur wünscht sich seinerseits, wie der Vorsteher, Andrea Deplazes, bestätigt, eine engere Einbindung, konkret in einzelne Forschungsprojekte wie auch in die geplanten Graduate Schools. Die grossen Möglichkeiten der Bibliothek sollten dauerhaft genutzt werden können, was einen entsprechenden Effort für eine bessere Zugänglichkeit verlange.

Wie stark sich die ETH als Ganzes engagiert, ist noch offen. Die Verhandlungen scheinen sich schwierig anzulassen und haben noch nicht richtig begonnen. Ein Maximalprogramm wäre der Ausbau zu einem aktiven Forschungszentrum mit intensiver Veranstaltungs- und Ausstellungstätigkeit. Ein Mindesterfordernis ist eine vollständige und gründliche Katalogisierung, die das Potenzial erst klarer sichtbar macht. Indirekt spielt auch die längerfristige Frage mit, was mit jenen Beständen geschieht, die im Eigentum des Ehepaars Oechslin geblieben sind und wofür die Stiftung ausser dem Nutzungs- ein Vorkaufsrecht hat. Die Schulleitung hat sich noch nicht über die Sache ausgesprochen, und so hält auch der Rektor mit einer Stellungnahme zurück.

Kulturgut an der technischen Hochschule

Eine kräftige Unterstützung der Bibliothek, die ihrerseits faktisch ein grosses Geschenk bedeutet, würde sich in eine «kulturelle» Tradition der ETH einreihen, auch wenn die Architektur – der Studiengang ist der am stärksten frequentierte – zu ihrem Kerngeschäft gehört. In gewisser Hinsicht vergleichbar sind etwa die grosse, kostbare Graphische Sammlung, die der Kunsthistoriker Gottfried Kinkel 1867 anzulegen begonnen hatte, mehrere Spezialsammlungen der Hauptbibliothek, das Archiv für Zeitgeschichte oder die Nachlässe von Thomas Mann, Max Frisch und Carl Gustav Jung.

Verfolgt die Schulleitung in dieser Hinsicht eine «Politik»? Osterwalder verneint. Die Schenkungen oder Erwerbungen erfolgen in grösseren Abständen aus je besonderen Gründen. Teils hängen sie mit dem humanwissenschaftlichen Nebenstrang der ETH zusammen, teils diente die Bundeshochschule als eine Art Auffanggefäss. In den letzten Jahren wurden die Geistes- und Sozialwissenschaften enger auf die technisch- naturwissenschaftliche Funktion der Hochschule ausgerichtet und die Literatur-Lehrstühle aufgehoben. Immerhin sind die Verantwortlichen der Meinung, einen Aufwand von weniger als zehn Millionen Franken pro Jahr für Betrieb und Erweiterung aller kulturellen Sammlungen könne sich die ETH mit ihrem Milliardenbudget leisten.

Welche interessanten Querbezüge sich ergeben können, zeigt etwa der 1977 der ETH übergebene Nachlass von C. G. Jung, der Privatdozent an der ETH gewesen war. In den Dokumenten finden sich auch (neben den publizierten) die noch unpublizierten Aufzeichnungen mehrerer hundert Träume des Physikers Wolfgang Pauli. Den Briefwechsel zwischen den beiden hat die ETH nachträglich erworben. – Im Trend der Profilierung spielt ETH-Präsident Ernst Hafen nun übrigens doch mit dem Gedanken, das Potenzial zu aktivieren: «Wir könnten», schreibt er in der Hauszeitung, «unsere kulturellen Schätze als einzigartiges Merkmal nutzen, das uns von anderen Hochschulen unterscheidet. Aber wie?» Antworten werden im «Weblog ETH 2020» erbeten.

Christoph Wehrli

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