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[To-] lomei, in den "numero di cosi honorata compagnia" aufgenommen wurde. Ein gedrucktes Programm der Absichten des Kreises ("il suo ordine") werde er Landi demnächst zuschicken. [Anm. 55]

So wird aus den beiden Briefen Tolomeis klar ersichtlich, daß er gerade Mitglied der Gelehrtenrunde geworden war und wohl auch schon eine gewissen Führungsrolle übernommen hatte, daß aber das Programm, "il suo ordine", dessen Entstehung dem Tolomei üblicherweise als Verdienst angerechnet wird, schon existierte und seine Abfassung der Periode und den Initiativen Alessandro Manzuolis und daher auch Marcello Cervinis und Bernardino Mafeis zuzurechnen ist.

Wenden wir uns jetzt dem Programm der Akademie zu, das Tolomei in seinem zweiten Brief an Landi vom November 1542 schilderte. Dieses Programm ist zu reichhaltig und zu allumfassend, um von einem einzigen Gelehrten entworfen worden zu sein, es ist zweifellos das Ergebnis gemeinsamer Überlegungen dieses Gelehrtenkreises. Auf jeden Fall erstreckt sich das Vorhaben über Bereiche, die weit außerhalb der Kompetenzen und auch der Interessen Tolomeis lagen. In diesem Brief an Landi sucht Tolomei die Förderung – gemeint ist vor allem wohl die finanzielle Unterstützung – für die Publikation von 20 Werken; dabei gibt er zu, daß das Projekt vielleicht zu weit gesteckt sei: "ch'ella abbraci troppe cose, le quali non sia mai possibile condurre a fine". Er verspricht jedoch dem in Aussicht genommenen Mäzen, daß sich die Unternehmung innerhalb von drei Jahren dank der gemeinschaftlichen Arbeit verschiedener Gelehrter verwirklichen lasse: "come non un solo, ma molti belli ingegni si son volti a queste nobile impresa". [Anm. 56: ]

Die ersten sieben Bücher, die Tolomei aufzählt, sind ausführlichen philologischen Auseinandersetzungen mit dem vitruvianischen Text de architettura gewidmet. Im achten Buch wollte man dann die Vorschriften Vitruvs mit den überkommenen antiken Resten vergleichen, um festzustellen, wo die Regeln von den antiken Architekten angewendet wurden und wo nicht. Dies setzte zweifellos die Mitwirkung geübter Architekten wie Sangallo und Meleghino voraus, denn wie Tolomei schreibt: "si congiugnera in un certo modo la pratica con la teoria". [Anm. 57: ] Mit dem Abschluß des achten Buches gewinnen archäologische und antiquarisc.he Betrachtungen immer mehr Vorrang. So wird im neunten Buch untersucht, inwiefern uns die historischen Quellen über die römischen Gebäude belehren können und wie sie zu rekonstruieren wären: "Si farà un altro studio non manco utile ne manco bello, di considerare et intender bene tutte l'anticaglie per via [Fortsetzung auf S. 191] …"

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Anm. 55: Lettere d'uomini illustri conservate in Parma nel R. Archivio di Stato, hrsg. von A. Ronchini, I, Parma 1853, 535–536.

Anm: 56: Der Tolomei-Brief (Anm. 54), Fol. 105 v – 109 r wurde mehrmals publiziert. Siehe am besten die kommentierte Ausg. von P. Barocchi, in: Scritti d'arte del Cinquecento, hrsg. von P. Barocchi, III, Mailand-Neapel 1977, 3037–3047, und die eingehenden Analysen von M. L. Madonna, "L'"Enciclopedia nazionale del mondo antico" di Pirro Ligorio", in: 1° Convegno nazionale di storia dell'arte, Roma 11–14 sett. 1978, Rom 1980, bes. 266–267 und auch S. Benedetto und T. Scalesse in P. Cattaneo, G. Barozzi da Vignola, Trattati, con l'aggiunta degli scritti di architettura di Alvise Cornaro, Francesco Giorgio, Claudio Tolomei, Giangiorgio Trissino, Giorgio Vasari, Mailand 1985, 33–61.

Anm. 57: Tolomei, in Scritti d'arte del Cinquecento (Anm. 56), 3041.