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4) Die ehemalige Grabkapelle der Valois zu Saint-Denis (La sépulture des Valois oder Notre-Dame-la-Rotonde)

Wir haben schon mehrfach Gelegenheit gehabt auf diesen Kuppelbau hinzuweisen [Fn. 1163: Siehe: Art. 50, S. 53; Art. 51, S. 56.] und einen engen Zusammenhang mit St. Peter in Rom, namentlich mit mehreren der von Bramante und Raffael begonnenen, jetzt nicht mehr vorhandenen Theilen [Fn. 1164: In der Beschreibung Dom Doublet's zur Zeit von Katharina, heisst es: conçue sur le modéle du Pantheon romain, et veritablement superbe et magnifique, tant pour son bastiment forme et architecture, que pour sa matiere. Die runde Form und korinthische Ordnung allein erinnern etwas an das Pantheon. (Siehe: Boislisle, A. de. La Sépulture des Valois, in Memoires de la Société de l'Histoire de Paris, Bd. III [1877], S. 288.)], ferner die Autorschaft Primaticcio's hervorzuheben [Fn. 1165: Siehe: Art. 167, S. 162].

Auffallend ist, wie aussen die Vorsprünge nicht stärkeren Stützpunkten wie in den projectirten Umgängen von St.-Peter entsprechen, sondern durch Erweiterung der Kleeblattcapellen veranlasst werden. Durch die Bildung des Inneren als Zwölf-

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eck, das durch die vorspringenden Säulenpaare aus abwechselnd schmalen und breiteren Seiten zu bestehen schien, brachte Primaticcio das Leben der “rhythmischen Travéen” in seine Composition. Durch die reichen Einblicke in die oberen und unteren Capellen und das vortreffliche Verhältniss der Ordnungen in diesen und im Hauptraume, verlieh er seiner Schöpfung eine Phantasie und Steigerung der Grössenwirkung, welche diese Grabcapelle zu einem Raume von traumhafter Schönheit erhob, dem weder Frankreich noch Italien etwas an die Seite zu stellen hatten. Primaticcio erweist hierdurch, dass er durchaus würdig war, als mindestens ebenbürtiger Nachfolger De l'Orme's an die Spitze der königlichen Bauten in Frankreich (der Louvre blieb unter der Leitung Lescots) gestellt zu werden und diesen hohen Posten bis an sein Ende zu bekleiden.

[im kleinere Satz:] Der einzige Punkt dieser Composition, über dessen Wirkung ich keine Gewissheit empfinde, ist die Frage, wie die in zwei Geschossen vorspringenden Säulenpaare sich zur runden Kuppel verhielten. In den Stichen sind keine abschliessenden Bekrönungen oder rippenartigen Fortsetzungen dieser aufsteigenden Linien angedeutet und ebenso wenig steigt die Kuppel von der Vorderflucht der Säulenpaare auf und die Stichkappen der Lunetten schliessen sich nicht an dieselben an. Es sei übrigens bemerkt, dass in den Stichen Marot's, Fig. 194, und Gissart's, Fig. 210, die Gliederung zwischen den Säulenpaaren verschieden ist. Die Grissart's scheint die bessere zu sein.Ebenso wurden schon verschiedene Abbildungen des Gebäudes gegeben [Fn. 1166: Siehe: Das Aeussere in Fig. 21; den oberen Grundriss und den Schnitt der Seitencapellen, Fig. 44-45; den unteren Grundriss, Fig. 106; das Innere, mit dem Grabmal Heinrich II., findet man in Fig. 213.], zu denen wir nun in Fig. 197 [Fn. 1167: Facs.-Repr. nach: Marot, Jean: Oeuvre, a. a. O., Bd. I, S. 105] den Durchschnitt hinzufügen. Die allgemeine Anordnung ist daher hinreichend verständlich und genügt es, auf eine Reihe anderer Punkte aufmerksam zu machen. [Ende des Kleineren Satzes]

Von allen Kuppelbauten sowohl in Italien als nördlich der Alpen dürfte es keinen gegeben haben, welcher so sehr wie dieser sich an gewisse Theile der Entwürfe Bramante's und Raffael's für St.-Peter in Rom anlehnte. Besonders in der Gliederung der zwei Geschosse von Seitencapellen und ihrer Verbindung mit dem Mittelraume, welche vorzüglich ist und an die Umgänge von St.-Peter und der Apsiden direct erinnert.

[kleiner Satz:] Auch am Aeusseren hat Primaticcio die lebendige Abwechselung und Steigerung, die in der “rhythmischen Trav\'ee” enthalten sind, sogar in zweifacher Weise durchgeführt, erstens indem er eine Alternirunge zwischen den schmalen vorspringenden [hier weiter]

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A. de Boislisle [Fn. 1174: Siehe .., S. 242-292] war einer der ersten, der die Geschichte der Errichtung des Grabmals Heinrich II. und der Grabcapelle der Valois studirte. Nach seiner Ansicht wurden die Arbeiten an Notre-Dame-la-Rotonde erst nach dem Tode Primaticcio's in Angriff genommen, nach Anstellung von Jean Bullant [Fn. 1175: Boislisle fragt sich, ob wirklich Bullant 1560 in Ungnade gefallen sei; sollte er nicht das Amt [Fortsetzung der Fn. auf S. 564] eines Controlleurs, das er noch 1575 innehatte, behalten und conjonctiment, alternativement mit Fran\c{c}ois Sannat ausgeführt haben?] mit 600 livres [S. 564] jährlichem Gehalte. Thiband Metzeau, Claude Gu\'erin, Charles Bullant, J\'er\^ome Claudebin et Jacques Champion waren die Unternehmer.

[kleinerer Satz:] Die Ansicht, die mich anfangs etwas überraschte, mag richtig sein. Sie stützt sich wohl einerseits auf den geringen Fortschritt der Arbeiten, der aus dem Inventare von 1572 hervorzugehen scheint, […]