Abschlussbericht

  

Architektur und Erziehung. Eine vergleichende Studie zur Reformbewegung in der Weimarer Republik, der Schweiz und der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit (JA 892/5-1/3)



1. Allgemeine Angaben

 

DFG-Geschäftszeichen:  JA 892/5-1/3

Antragstellerin: Dr. Alena Janatková

Institut/Lehrstuhl: Institut für Kunst- und Bildgeschichte, Humboldt-Universität zu Berlin

Thema des Projekts: Architektur und Erziehung. Eine vergleichende Studie zur Reformbewegung in der Weimarer Republik, der Schweiz und der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit

Berichtszeitraum, Förderungszeitraum insgesamt: 36 Monate

Liste der in Vorbereitung befindlichen Publikationen aus dem Projekt:

Janatková, Alena: Architektur und Erziehung. Die Bauaufgabe Schule (Projektmonographie), Zürich: gta Verlag / Berlin: Gebr. Mann Verlag (in Vorbereitung, s. Manuskript in der Anlage)

Dies.: Architektur und Erziehung. Eine vergleichende Studie zur Reformbewegung in der Weimarer Republik, der Schweiz und der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit, In: kunsttexte.de – E-Journal für Kunst- und Bildgeschichte: Ostblick, März 2013

 

2. Arbeits- und Ergebnisbericht

Ausgangsfragen und Zielsetzung des Projekts:

 

„Die neue Baukunst als Erzieher“, unter diesem programmatischen Titel publizierte Fritz Wichert 1928 einen Beitrag, der exemplarisch den erzieherischen Anspruch von Protagonisten der klassischen Moderne zum Ausdruck bringt (Wichert, Fritz: Die neue Baukunst als Erzieher, in: Das neue Frankfurt 2.11/12, 1928, S. 233-235). Gemäß demselben Selbstverständnis sahen sich zur gleichen Zeit die tschechoslowakischen Architekten gar in der Pflicht, ihre eigene Gesamtgesellschaft auf ein höheres Zivilisationsniveau zu befördern (Honzík, Karel: Bytová kultura [Wohnkultur], in: Katalog des Tschechoslowakischen Werkbundes, Brünn 1928, S. 23-27). Ausgangspunkt der Überlegungen zum Forschungsvorhaben waren architekturtheoretische Positionierungen und Architekturbeiträge, in denen sich die angedeuteten gesellschaftsorientierten Reformbestrebungen von Architekten manifestieren. Mit dem Sendungsbewusstsein der Erziehung wird die Bauaufgabe Schule zum herausragenden Untersuchungsgegenstand. Die komparative Untersuchung behandelte diese Bauaufgabe speziell im europäischen Zusammenhang nach dem Ersten Weltkrieg unter den historischen Bedingungen der Zwischenkriegszeit, und zwar hinsichtlich zweier Kleinstaaten, der neuen Tschechoslowakei und der traditionsreichen Schweiz, im Vergleich mit dem Deutschen Reich. Der vergleichende Ansatz betraf eine Bauaufgabe, deren gesellschaftliche Relevanz und Idealbild erst von der bürgerlichen Gesellschaft etabliert worden war. Das Schulhaus geriet dabei zum wichtigen Gradmesser der Fortschrittlichkeit eines Bildungswesens, das gleichsam die „Kulturnation“ repräsentierte. Ausgehend von den Leitbildern der Moderne zielte das Forschungsvorhaben auf eine Differenzierung der Reform im Schulhausbau entsprechend den verschiedenen kulturhistorischen und gesellschaftspolitischen Kontexten dieser Länder.

In den Leitbildern manifestierte sich eine moderne Bewegung, die für sich die Kennzeichnung „international“ beanspruchte. Einen guten Überblick zur europaweiten Bauaufgabe Schule im In- und Ausland gibt die zeitgenössische Bestandsaufnahme von Julius Vischer (Vischer, Julius: Der neue Schulbau im In- und Ausland, Stuttgart 1931). Die intensive zeitgenössische Auseinandersetzung mit dem Schulbau hat in der Zwischenkriegszeit eine ganze Reihe von aufschlussreichen Publikationen hervorgebracht. Die Wechselseitigkeit von modernem Schulbau, moderner Pädagogik und der Volksgesundheit wurde in der Weimarer Republik von Emanuel Josef Margold beleuchtet (Margold, Emanuel Josef: Bauten der Volkserziehung und Volksgesundheit, Berlin 1930). Die Schule tritt dabei als ein Vorzeigeprojekt des architektonischen Engagements im Bereich der Volkserziehung und Volksgesundheit in Erscheinung. Einzelne Aspekte der Reform waren die Proportionalität im Sinne der Verhältnismäßigkeit von Kind und Raum, das Aufbrechen des Baublocks und die Öffnung zur Natur, die Erweiterung des Raumangebots um spezialisierte Fach- und Freizeiträume (wie das Schulkino), die technischen Erfindungen (betreffend die Konstruktion, Installation, Beleuchtung, Lüftung, Heizung), oder auch die Mobilität der Bestuhlung. Ausstellungen wie die „Internationale Plan- und Modellausstellung Neuer Baukunst“ in Stuttgart 1927 bezeugen die Bedeutung der Schule als zentrale Bauaufgabe des Neuen Bauens. Zugleich dokumentieren sie als Wanderausstellungen den ideellen Austausch der Fachleute; beispielsweise wurde 1929 die nach Bauaufgaben angeordnete „Internationale Plan- und Modellausstellung Neuer Baukunst“ in Prag gezeigt und um die Exposition eigener Beiträge erweitert (Výstava mezinárodní nové architektury [Ausstellung der internationalen neuen Architektur], Prag 1929). Die Dimension des internationalen Austauschs kann zudem sehr gut in den Fachzeitschriften verfolgt werden, in denen zahlreiche Beiträge in Übersetzung wiedergegeben erschienen.Welche Schulmodelle hatten Vorbildcharakter, wie gestalteten sich der Kulturtransfer und die Rezeption im lokalen Kontext? Die Pluralisierung architektonischer wie schulpädagogischer Schulkonzepte wurde im Zusammenhang mit den weiter greifenden gesellschaftlichen Modernisierungsbemühungen beziehungsweise mit deren Problematisierung betrachtet. Bei der Durchsetzung von Idealvorstellungen wurden neben kommunalen Vorstößen die Initiativen von Interessengemeinschaften / Fördervereinen beachtet. Wichtig war ebenfalls die staatsoffizielle Orientierung in der Gesetzgebung und der Förderung des Schulhausbaus.

 

Entwicklung der durchgeführten Arbeiten / Arbeitsbericht

 

Gemäß der Bewilligung der Deutschen Forschungsgemeinschaft vom 29.09.2010 wurde das am Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin situierte und von Alena Janatková durchgeführte Forschungsprojekt „Architektur und Erziehung. Eine vergleichende Studie zur Reformbewegung in der Weimarer Republik, der Schweiz und der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit“ (JA 892/5-1) im ersten Abschnitt für eine Laufzeit von zwei Jahren (15.11.2010 – 14.11.2012) gefördert. Nachfolgend wurde gemäß der Benachrichtigung durch die DFG vom 17.01.2013 eine Weiterförderung des Forschungsprojekts für 12 Monate bewilligt (JA 892/5-3). Nachdem aus Krankheitsgründen eine kostenneutrale Verlängerung des Vorhabens um 6 Monate durch die DFG im Schreiben vom 15.04.2013 befürwortet worden ist, endete die Projektlaufzeit schließlich am 31.03.2014.

Im Rahmen des Projekts wurden Recherchen in Archiven (Akademie der Künste Berlin/Archiv; Bauhaus-Archiv Berlin; ETH Zürich/gta Archiv; Mährisches Landesarchiv/Arbeitsstelle Zlín; Museum der Stadt Brünn/Archiv; Nederlands Architectuur Instituut Rotterdam; Technisches Nationalmuseum Prag/Archiv der Architekturabteilung; Werkbundarchiv Berlin; Züricher Hochschule der Künste/Archiv ZhdK) und Bibliotheken (u.a. Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung Berlin, Bibliothek des Kunstgewerbemuseums Prag, Kunstbibliothek Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Bibliothek Werner Oechslin) unternommen. Gesichtet wurden u.a. die Nachlässe: die Firma Bata, Johannes Duiker, František Lydie Gahura, Josef Polášek, Werner M. Moser sowie die Ausstellung „Der neue Schulbau“ 1932. Das Quellenmaterial wurde ausgewertet und unter thematischen Teilaspekten im weiteren Kontext bearbeitet. Beratend wurden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Christiane Brenner (Collegium Carolinum München), Jindřich Chatrný (Museum der Stadt Brünn), Annemarie Jaeggi und Sibylle Hoimann (Bauhaus-Archiv Berlin), Martin Marek (Mährisches Landesarchiv/Arbeitsstelle Zlín), Werner Oechslin (Stiftung Bibliothek Werner Oechslin, Einsiedeln), Rostislav Švácha (Kunsthistorisches Institut Prag), Daniel Weiss ( ETH Zürich/gta Archiv) konsultiert.

Eine erste Projektpräsentation erfolgte auf dem 15. Münchner-Treffen des Collegium Carolinum (04.03.2011), eine zusammenfassende Projektdarstellung erschien in „kunsttexte.de – E-Journal für Kunst- und Bildgeschichte: Ostblick“ (Architektur und Erziehung. Eine vergleichende Studie zur Reformbewegung in der Weimarer Republik, der Schweiz und der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit, In: kunsttexte.de – E-Journal für Kunst- und Bildgeschichte: Ostblick, März 2013). Im Rahmen des Forschungsprojekts „Architektur und Erziehung“ wurde am Institut für Kunst- und Bildgeschichte der HU zusammen mit Christoph Baier das Seminar „SCHULE – Karriere einer Bauaufgabe im 19. und 20. Jahrhundert“ durchgeführt (WS 2011/12). Im Sommersemester 2012 wurden ebendort von den Studierenden die Forschungsmaterialien/Archivalien zum Neuen Schulbau für eine Ausstellung in Kooperation mit dem Bauhaus-Archiv Berlin aufbereitet (Seminar „Ausstellungsprojekt Schule“, SS 2012; Fortsetzung WS 2012/13).

 

Die Untersuchung wurde unter folgenden Aspekten bearbeitet: Die Erziehungsprämissen in ästhetischer, hygienischer und reformpädagogischer Hinsicht, die konzeptionelle Entwicklung der Neuen Schule von der Einrichtung des Arbeitsplatzes über die Probeklasse bis hin zum Schulbaukomplex, der städtebauliche Kontext und die Standardisierung des Schulbaus, die Bauten der Erwachsenenbildung und Kleinkindererziehung, und schließlich das Neue Schulhaus als Bild und Zeichen. Die Vorgehensweise ist um die theoretischen Diskurse der Protagonisten aufgebaut und an den öffentlichen Strategien einer Durchsetzung von Reformansätzen orientiert. Insofern bleibt die Studie auf Fallbeispiele von Architekturen beschränkt, die für den diskursiven Kontext bedeutend erscheinen.

Wenn nach dem Ersten Weltkrieg ein Neuanfang auch hinsichtlich des Schulbaus diskutiert wurde, so stand seine Reform unter dem Leitsatz des Arbeitsrates für Kunst, wonach der Künstler als Gestalter des Volksempfindens für das Gewand des neuen Staates verantwortlich zeichnete (Ein Arbeitsrat für Kunst, In: Das Schulhaus 21.2, 1919, S. 58). Gerade die Wiedergabe dieses Leitsatzes in der Zeitschrift „Das Schulhaus“ macht deutlich, dass hier bereits zielgerichtet die anstehende Lösung der Bauaufgabe Neue Schule beziehungsweise „Schule der Demokratie“ als Einheitsschule und Arbeitsschule angepeilt wurde (Die Arbeitsschule. Erster Deutscher Kongreß für Jugendbildung und Jugendkunde zu Dresden am 6., 7. und 8. Oktober 1911, Berlin 1912; Vogler, Otto: Welche Einflüsse wird die neue Staatsform auf die Entwicklung des Schulbaues haben?, In: Das Schulhaus 21.1, 1919, S. 2-7; Seinig: Bauliche Maßnahmen in der Arbeitsschule, In: Das Schulhaus 21.6,7/8, 1920, S. 97-110 und 117-123; Hylla, Erich: Die Schule der Demokratie. Ein Aufriss des Bildungswesens der Vereinigten Staaten, Berlin / Leipzig 1928). Architekten, Pädagogen und Mediziner machten den Schulbau zum Nukleus reformorientierter Ambitionen, weil insbesondere er der jüngsten Generation die neuen Ansprüche auf Wohnkultur und Arbeitsplatz vermitteln, und mit Hilfe dieser Generation die neuen Maßstäbe an Hygiene, Ästhetik und Zweckmäßigkeit gesellschaftsfähig machen sollte (Leopolt, Edmund: Die Erziehung zum Raumbewußtsein durch die Schule, In: Das Schulhaus 22.11/12, 1920, S. 175-182; Duiker, Johannes: Die Freiluftschule, In: Die Freiluftschulbewegung, Berlin 1931, S. 194-202).

Die Befreiung vom althergebrachten Schulhaus war allerdings der Freiluftschulbewegung geschuldet, die zunächst unter Verzicht auf jegliches Gehäuse den Arbeitsplatz unter freiem Himmel favorisiert hatte (Triebold, Karl: Ueber Freiluftschulen, In: Das Schulhaus 24.3/4, 1929, S. 59-62). Diese Bewegung war besonders einflussreich, gerade weil sie international agierte und dabei gemeinsame Interessen von Pädagogen, Hygienikern sowie Architekten vertrat. Die Ausgestaltung der Freiluftklasse mit leichten, transportablen Mobiliar konnte gemäß dieser Interessenlage zur „wichtigsten Bauaufgabe“ avancieren (Der Bau von Waldschulen, In: Das Schulhaus 15.10, 1913, S. 460-467). Kindgerechte „Einrichtungen selbsttätiger Arbeit“, nämlich die Interieurs eines Montessorikindergartens und eines Montessorischulzimmers mit Möbeln der Berliner Firma Johannes P. Müller, waren bereits auf der Werkbund-Ausstellung in Köln 1914 exponiert (Kinderheime und Schulen nach dem Montessori-Prinzip, In: Das Schulhaus 21.8/9, 1919, S. 202-215 und 223-238; Montessori. Lehrmaterialien 1913-1935 Möbel und Architektur/Teaching Materials 1913-1935 Furniture and Architecture, Thomas Müller und Romana Schneider Hg., Berlin 2002).

Vom Arbeitsplatz ausgehend setzte die Konzeption der Schulhausarchitektur bei der räumlichen Lösung des Klassenzimmers, oder besser Arbeitsraumes, ein: In Analogie zu Le Corbusiers Entwurfsverfahren von der Wohnzelle zum Städtebau ging der Lösungsansatz von der Klasse als „Zelle“ aus (Taut, Bruno: Die Probeklasse der Neuköllner Gesamtschule, In: Bauwelt 46, 1928, S. 1092-1100), und er fand in der neuen Stadt sein Experimentierfeld (May, Ernst: Die neue Schule, In: Das neue Frankfurt 2.11/12, 1928, S. 225-232). Technische und konstruktive Erfindungen wurden in der Tschechoslowakei insbesondere im kulturpolitisch aufstrebenden Brünn mit dessen innovativ eingestellten Stadtbauamt rezipiert (Projekte von Josef Polášek und Bohuslav Fuchs). Großspurig hatte hingegen im neuen Zlín der Großfabrikant Tomáš Bata eine standardisierte Schulhausarchitektur nach US-amerikanischem Vorbild vorangetrieben, in der das Modulsystem der Fabrikgebäude in Stahlbetonkonstruktion als firmeneigenes Markenzeichen übernommen wurde (Architekt František Lydie Gahura). Innovative Entwürfe waren aber ebenfalls für Bauten der Erwachsenenbildung angesagt, um auf diese Weise soziale Zielgruppen wie die Arbeiter oder die Frauen im Sinne moderner Wohnkultur, individueller wie kollektiver Wohnformen und einer Rationalisierung der Hausarbeit nach dem Frankfurter Modell zu erziehen. Die perfektionierte Musterklasse konnte darüber hinaus als Vorbild für Kindergartenanlagen dienen, die inzwischen in Großstädten wie Zürich zu jedem Quartier gehören sollten (Kindergarten Wiedikon; Moser, Werner M.: Wenn Kindergärten gebaut werden, In: Sondernummer der Zeitschrift „Der schweizerische Kindergarten“, Heft 6, 1944).

Ikone und Marke des reformorientierten Schulbaus war das Bauhaus Dessau, das sein Image als Laboratorium und Fabrik in Glasarchitektur werbewirksam kommunizierte, und zwar zuallererst 1926 in der neu begründeten Zeitschrift „bauhaus“ (Wilhelm, Karin: Sehen – Gehen – Denken. Der Entwurf des Bauhausgebäudes, In: Das Bauhausgebäude in Dessau 1926-1999, Margret Kungen-Craig Hg., Basel/Berlin/Boston 1998, S. 10-27). Bauhaus-Möbel in Stahlrohr haben die Entwicklung der Schulmöbel nicht nur in Frankfurt/M. maßgeblich beeinflusst, sondern durch die entwerfende Tätigkeit von Gustav Hassenpflug für die Firma Embru gleichermaßen in der Schweiz (Das Klassenzimmer. Schulmöbel im 20. Jahrhundert, Thomas Müller und Romana Schneider Hg., München 1998). Zum Prototyp der Freiluftschule wurde Johannes Duikers Amsterdamer Schulhausprojekt, das vom Architekten in Verbindung mit einem „hygienischen Stil“ gemäß „hygienischer Erziehung“ für die Zwecke der Krankheitsprophylaxe propagiert worden ist (Duiker 1931). Die Wanderausstellung „Der neue Schulbau“ bot 1932 zuallererst im Züricher Kunstgewerbemuseum das Manifest einer Architekturmoderne, die sich in Wort und Bild als „neu“ in Gegenüberstellung zu „alt“, nämlich zu der alten Schule definierte (Der neue Schulbau, Zürich, 1932 / Wegleitungen des Kunstgewerbemuseums 109; [Meyer, Peter]: Die Ausstellung „Der neue Schulbau“ im Kunstgewerbemuseum Zürich. 10. April bis 14. Mai 1932, In: Das Werk, Sondernummer „Der neue Schulbau“ 1932, S. 129, 131). Unter dieser Programmatik lieferte die Exposition zugleich eine ausgewählte Zusammenstellung internationaler Beiträge – neben dem Bauhaus Dessau und der Amsterdamer Schule auch weiterer Projekte u.a. aus der Schweiz, der Tschechoslowakei und dem Deutschen Reich – zum Thema Neues Schulhaus, wobei das Bildmaterial nachdrücklich im Sinne einer argumentierenden Achse vom Klassenzimmer zum Schulkomplex präsentiert erschien. Dieser Höhepunkt der Debatte um die Erneuerung des Schulbaus wurde im Jahr 1933 durch die in Zürich erschienene Buchpublikation „Das Kind und sein Schulhaus. Ein Beitrag zur Reform des Schulhausbaues“ vertieft, die als gemeinsames Produkt des Hygienikers Willy von Gonzenbach, des Architekten Werner Max Moser und des Pädagogen Willy Schohaus gleichsam idealerweise die Interdisziplinarität der erziehungsspezifischen Reformbestrebungen repräsentiert (Das Kind und sein Schulhaus. Ein Beitrag zur Reform des Schulhausbaues, Willy von Gonzenbach / Werner Max Moser / Willy Schohaus Hgg., Zürich 1933 / Schriften zur Erneuerung der Erziehung). In Deutschland fällt sie zu dieser Zeit jedoch bereits mit einer Vereinnahmung der Reformbewegung durch die nationalsozialistische Ideologie zusammen.

 

Darlegung der wichtigsten Ergebnisse und Diskussion in Hinblick auf den relevanten Forschungsstand:


Die Untersuchung zur Architektur und Erziehung konnte neuere Forschungserkenntnisse inhaltlicher wie methodischer Art einbeziehen. Auf inhaltlicher Ebene gilt das insbesondere für die Entdeckung des innovativen Impulses, der von der Freiluftschulbewegung auf den Schulhausbau ausgegangen war (L´école de plein air /Open-Air Schooles. Une expérience pédagogique et architecturale dans l´Europe du XXe siècle / An Educational and Architectural Venture in Twentieth-Century Europe, Anne-Marie Chatelet, Dominique Lerch et Jean-Noel Luc Hgg., Dijon 2003). In methodischer Hinsicht hat sich die Perspektive auf Strategien der Selbstdarstellung und Inszenierung des neuen Schulbaus als überaus fruchtbar erwiesen (Sigfried Giedion und die Fotografie. Bildinszenierungen der Moderne, Werner Oechslin und Gregor Harbusch Hg., Zürich 2010). Diese Inszenierung gewinnt insofern an Bedeutung, als sich die internationale Fachöffentlichkeit (weniger jedoch die kontrovers argumentierende lokale Presse) auf Foren der CIAM, der Freiluftschulbewegung, der landeseigenen Werkbundorganisationen zusammenschloss, um für ihre Interessen, nämlich die Modellansätze und Zielrichtung der Schulhausreform, gemeinsam in Publikationen und auf Ausstellungen einzutreten.

Dennoch hatten unterschiedliche Traditionen und landeseigene Vorgaben verschiedene Ansätze in der Auseinandersetzung mit der Bauaufgabe Neue Schule begünstigt. So konnte in der Weimarer Republik aufgrund ihrer besonderen Förderung des Neuen Bauens mit öffentlichen Bauprogrammen zwischen 1924 und 1930 die angestoßene theoretische Reflexion anhand eines Versuchsmodells in Berlin und in Frankfurt erprobt und perfektioniert werden. Die staatliche Förderung privater wie öffentlicher Schulen hatte hingegen in den Niederlanden eine große Vielfalt an Schulbauprojekten ermöglicht. In der Tschechoslowakei ging wiederum mangels staatlicher Initiative die erfolgreichste Schulhausreform von einem Privatunternehmer aus. Und in der eher traditionell orientierten Schweiz zeigte man sich weniger am Experiment als vielmehr an einer Reflexion und Propagierung von gewonnenen Erkenntnissen interessiert (Ausstellung „Der neue Schulbau“ 1932; Buchpublikation „Das Kind und sein Schulhaus“ 1933). Die Entwicklung einzelner Länder hatte zudem ihre eigene Dynamik im spezifischen historischen Kontext mit dessen Umbrüchen, so dem Ersten Weltkrieg hinsichtlich Deutschland und der Tschechoslowakei gegenüber der Schweiz, dem Zusammenbruch der Bauproduktion infolge der Weltwirtschaftskrise 1929, dem Schicksalsjahr 1933 beziehungsweise dem Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939.

Die im Forschungszusammenhang erschlossenen neuen Quellen lassen jedoch über die Staatsgrenzen hinweg deutlich die Großstädte als die eigentlichen Experimentierfelder der Neuen Schule, und deren Kommunalpolitiker als ihre Schirmherren in Erscheinung treten. So konnte ein Zusammenhang zwischen dem Neuen Schulhaus und der Erziehung zur Wohnkultur festgestellt werden, der im diskursiven Kontext unmittelbar auf die Großstadtkritik zurückverweist: Die Debatte um Erziehungsmaßnahmen hygienischer wie ästhetischer Art hatte nach dem Ersten Weltkrieg gerade in Deutschland mit seiner Misere in den Großstädten neuen Auftrieb erhalten. Dabei wurde das Blickfeld von den Schulkindern um Kleinkinder und Erwachsene, und hier vor allem um die Arbeiter und die Frauen erweitert, die nunmehr zu den sozialen Zielgruppen der Erziehung zählten. Die Neue Schule ist folglich weniger als die logische Konsequenz eines eigenen erzieherischen Denkens der Architekturmoderne anzusehen, als sie vielmehr von Pädagogen, Medizinern und Architekten zum gesamtgesellschaftlichen Anliegen erklärt worden ist: Von dieser Neuen Schule sollte nämlich die Umerziehung der Menschen und ihrer individuellen wie kollektiven Lebensformen ausgehen. Die sozialpädagogische Kultivierung beziehungsweise Steuerung wurde ebenso sehr auf kommunaler Ebene forciert, wie sie auch als paternalistisches System eines Großunternehmers firmeneigene Interessen wie die Heranziehung eines Bata-Menschen verfolgen konnte.

 

Kooperationspartner:

Stiftung Bibliothek Werner Oechslin

Prof. Dr. Werner Oechslin

Luegenten 11, Einsiedeln (CH)

Tel.: 0041554121403

www.bibliothek-oechslin.ch

 

3. Zusammenfassung

 

Die „Architektur und Erziehung. Eine vergleichende Studie zur Reformbewegung in der Weimarer Republik, der Schweiz und der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit“ versteht sich als Beitrag zur Geschichte und Theorie Architektur, zur Bildungsgeschichte und zur Sozialgeschichtsforschung. Auf der Grundlage von publizierten und unpublizierten Quellen wurde neues Material zur Bauaufgabe Schule und den reformorientierten Architekturkonzepten zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg in vergleichender Absicht ausgewertet.

Das Erkenntnisinteresse richtete sich auf das Vorzeigeprojekt des architektonischen Engagements im Bereich Volkserziehung und Volksgesundheit während der Zwischenkriegszeit einerseits, und auf seine besonderen Facetten unter den verschiedenen gesellschaftspolitischen Bedingungen der Weimarer Republik, der Schweiz und der Tschechoslowakei andererseits. Der proklamierte Aufbruch zum Neuen Schulbau wurde nach dem Ersten Weltkrieg von Medizinern, Pädagogen und Architekten gestützt. Die öffentlich ausgetragene, theoretische Reflexion über die Neuerfindung einer Hülle für den Schulbetrieb und seine neuen Erziehungsaufgaben zeichnete sich durch gemeinsame Bildinszenierungen und Formatierungen in der Präsentation aus. Für die Neubestimmung der Bauaufgabe Schule vom Arbeitsplatz und seiner Einrichtung bis hin zur Schulhausanlage und ihrer städtebaulichen Situation waren aber die lokalen Protagonisten als die eigentlichen Akteure verantwortlich. Als Produkt der Kommunalpolitik war die Schulhausreform im Neuen Berlin, Neuen Frankfurt, Neuen Brünn oder Neuen Zürich letztlich ein Exponent der neu entstehenden Siedlungen, sie verlief parallel zur Neukonzeption des Wohnens in der Großstadt.