Palladianismus

Andrea Palladio – Kontinuität von Werk und Wirkung / von Werner Oechslin
Palladianismus

Neuerscheinung: 

Palladianismus


Werner Oechslin: Palladianismus. Andrea Palladio – Kontinuität von Werk und Wirkung.
26.5x32.5 cm, Leinen mit leinenkaschiertem Schuber. 344 Seiten, 241 Abb. farbig und sw.
ISBN 978-3-85676-239-1
Oktober 2008, gta Verlag, ETH Zürich
Preis: 160 CHF / 98 €
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Rezension der italienischen Erstausgabe des Buches von Roman Hollenstein:

30. Oktober 2007, Neue Zürcher Zeitung


Bauen im Geist der Antike

Werner Oechslins monumentale Studie zum Palladianismus

Beim Besuch von Werner Oechslins Bibliothek in Einsiedeln staunt wohl jeder Gast darüber, wie raffiniert der Hausherr all die Bücher zueinander in Beziehung stellt. Mit gleicher Kennerschaft wendet er sich nun in einer monumentalen Monografie dem Kontinent Andrea Palladio zu – genauer den Auswirkungen der Bauten und Schriften des Vizentiners auf die Architektur des Abendlandes. Oechslin, vernarrt in Bücher und deren unterschiedliche Editionen, kennt die Quellen und die Bauten wie kaum ein anderer. Indem er – um mit seinem Lieblingsphilosophen Edmund Husserl zu sprechen – «auf die Sachen selbst zurück» geht, gelingt es ihm, den Palladianismus in ein neues Licht zu rücken. Für diesen wählt er im bis jetzt erst auf Italienisch vorliegenden, reich illustrierten Prachtsband zu Recht die umfassendere Bezeichnung «Palladianesimo».

Theorie und Praxis

Der Widerspruch zwischen den von Palladio noch als Einheit verstandenen Polen von Theorie und Praxis prägte durch alle kunsthistorischen Epochen von der Spätrenaissance über den Barock und Klassizismus bis hin zum Historismus und zur Moderne die bald stilistische, bald typologische Beschäftigung mit dem von Vitruv und den antiken Ruinen inspirierten Meister. Dieser komplexen, bis heute nachwirkenden Rezeption, die erst seit 1970 in Einzelstudien und Ausstellungen – etwa zum Palladianismus in Nordeuropa – systematisch erforscht wird, nähert sich Oechslin von wechselnden Standpunkten aus, wobei er immer wieder mit neuen Erkenntnissen aufwartet.

Im ersten, wie ein buntes Mosaik zusammengesetzten Teil des Buches werden die Gründe für Palladios Autorität ebenso erörtert wie die Bedeutung der «Usanza nuova», Palladios neuartiger Sicht der öffentlichen und privaten Architektur. Auf dem Höhepunkt der Verehrung Palladios wagte es 1768 der rigorose Klassizist Francesco Milizia, auf dessen Verstösse gegen die Regeln der antiken Baukunst hinzuweisen und dessen mangelndes «Philosophieren» über die Architektur zu kritisieren, um ihn dann trotz allem zum «Raffaello dell'Architettura» zu erheben. Kurz darauf verhalf der in den Fussstapfen Vincenzo Scamozzis wandelnde Architekt Ottone Calderari dem Palladianismus in Vicenza zu neuem Glanz. Solche und andere architektur- und geistesgeschichtliche Manifestationen vertieft Oechslin anhand von Quellenmaterial und bisher selten oder nie publizierten Illustrationen. Dem Palladianismus in den grossen Kulturnationen gilt der Hauptteil von Oechslins Forschungen. «Der in Teutschland erstandene Palladius», den Georg Andreas Böckler 1698 veröffentlichte, zeugt ebenso wie die oftmals bizarren Bauten vom Studium der «Quattro libri» Palladios im deutschsprachigen Raum. Nobler interpretiert erscheint Palladio in Jacob van Campens barockem Klassizismus in Amsterdam und Den Haag sowie in Philips Vingboons' regionalistischen Erfindungen. Wegweisende Lösungen entstanden danach mit dem Petit Trianon von Gabriel und den Bauten von Ledoux in Frankreich, wo Quatremère de Quincy vor allem den antikischen Geist Palladios hervorhob. Die Hochburg des Palladianismus war und blieb jedoch England. Hier errichtete Inigo Jones 1619 in Greenwich mit dem Queens House ein frühes Meisterwerk, dem gut hundert Jahre später Lord Burlingtons grandioses Chiswick House antwortete – sekundiert von Colen Campbells Stichwerken und einem Diskurs, der dank Rudolf Wittkower bis in die Nachkriegsmoderne reichte.

Moderner Palladianismus

Zwar analysiert Oechslin auch die Auswirkungen des britischen Palladiokults auf Thomas Jeffersons Bauten in den USA. Die palladianische Architektur in anderen britischen Einflussgebieten klammert er aber ebenso aus wie jene in Lateinamerika. Dafür betont er das Interesse moderner Architekten am Vordenker aus Vicenza – von Ostendorf, Messel und Behrens über Le Corbusier und Mies van der Rohe bis hin zu den Smithsons und Peter Eisenman. Die dem 20. Jahrhundert gewidmeten Kapitel bieten eine Fülle von Fakten, die Oechslin leicht zu einer weiteren Publikation ausbauen könnte. Dabei dürfte dann auch die Schweiz zum Zuge kommen mit Bauten wie der Casa Tonini von Reinhart und Reichlin in Torricella, der Casa Maggi von Mario Campi in Arosio, dem Haus Kühnis von Peter Märkli in Trübbach oder der Villa Meyer von Dolf Schnebli in Zürich.

Roman Hollenstein

Werner Oechslin: Palladianesimo. Teoria e Prassi. Italienisch von Elena Filippi. Arsenale Editrice, San Giovanni Lupatoto 2007. 327 S., Fr. 163.–.