Die Kunstdenkmäler des Kantons Schwyz – Bezirk Höfe

von Anja Buschow Oechslin

Kunstdenkmaeler_Hoefe

Die Kunstdenkmäler des Kantons Schwyz (Neue Ausgabe Bde. III.I/II), 

hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK, Bern. Band IV: Bezirk Höfe. – Bern: 2010. – ISBN 978-3-906131-93-1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der neue Kunstdenkmälerband über den Bezirk Höfe nimmt eine Region in den Blick, die in den letzten 50 Jahren eine geradezu rasante bauliche Entwicklung erlebt hat. Bis in die 1950er Jahre hatte sich die Besiedlung aus kleinen Strassendörfern und verstreut in einer intakten Landschaft gelegenen Bauernhäusern weitgehend erhalten. Danach setzte, bedingt durch die Nähe zu Zürich und den Bau der Nationalstrasse, eine bis heute anhaltende Bautätigkeit ein. Die ehemaligen Dörfer des zwischen Etzel und Zürichsee gelegenen Bezirks, mittlerweile die Steueroase des Kantons Schwyz, gelten mit ihren seesichtigen Hängen heute als bevorzugte Wohnadressen. Das Fischerdorf Pfäffikon hat sich zu einem weltweit bedeutenden Bankenzentrum gewandelt, und die ehemals kleinen Ortschaften Bäch, Wollerau, Wilen, Freienbach und Pfäffikon sind nahezu zusammengewachsen. Entstanden ist eine, nicht nur für diesen Bezirk typische Agglomeration. Die „Geschichte“ hat jedoch bedeutsame Zeugnisse in den heutigen drei politischen Gemeinden Freienbach, Feusisberg und Wollerau sowie auf den Inseln Ufenau und Lützelau hinterlassen. Auf Letzterer existierte, wie ein Dokument bezeugt, schon um 741 ein kleines Frauenkloster, dem Beata, die Gemahlin Landolts, verschiedene Besitzungen vergab. Damals befand sich auch auf der Ufenau vermutlich bereits eine Kirche, die Mittelpunkt einer Grosspfarrei war.
Gemäss der Legende hat sich um 950 die schwäbische Herzogin Reginlinde zusammen mit ihrem Sohn Adalrich auf der Ufenau niedergelassen und dort die neue Pfarrkirche St. Peter und Paul sowie die Kapelle St. Martin errichten lassen. 965 gelangten die Ufenau und Pfäffikon durch eine Schenkung Kaiser Otto I. in Besitz des Klosters Einsiedeln. Im 13. Jahrhundert entstand in Pfäffikon mit dem Turm das wirtschaftliche Zentrum dieses Klosters, das im 14. Jahrhundert zur Burganlage mit zahlreichen Weihern ausgebaut wurde. Von der Präsenz des Klosters Einsiedeln zeugen heute neben dem Schlossturm mehrere im 18. Jahrhundert errichtete Gebäude wie das Schloss in Pfäffikon oder das ehemalige Wirtschaftsgebäude des Weinguts Leutschen oberhalb von Freienbach. Die Äbte förderten den Bau von Kirchen und Kapellen entlang der Pilgerwege nach Einsiedeln und verwandelten das Gebiet in eine sakrale Landschaft. Schon für das 12. Jahrhundert sind Kapellen in Freienbach, Pfäffikon und Wilen belegt, die mehrfach renoviert, ausgebaut oder durch Neubauten ersetzt wurden. Der erste barocke Kirchenbau entstand in Freienbach 1672-1674 nach Entwurf von Johann Georg Kuen.
Am Ende des 18. Jahrhunderts folgten die spätbarocken Kirchen in Wollerau und Feusisberg im typischen Landkirchenschema der Luzerner Baumeisterfamilien Purtschert und Singer. Nach dem Ausbau des Strassennetzes in den 1860er Jahren und der Eröffnung der Eisenbahnlinie Wädenswil/Einsiedeln 1877 wurde die ehemalige Korn-, Frucht- und Fischkammer des Klosters vom Tourismus entdeckt. Feusisberg, wo mehrere Kur- und Hotelbauten errichtet wurden, entwickelte sich zum vielbesuchten Molkekurort. Zugleich entstanden die ersten frühindustriellen Betriebe. Die damalige Bevölkerungszunahme zog eine Verdichtung der Dörfer nach sich.
Am Ende des 19. Jahrhundert erhielten die Innenräume nahezu aller Sakralbauten nach dem Konzept des Einsiedler Restaurierungsexperten, Pater Albert Kuhn, dem Zeitgeschmack entsprechende Neuausstattungen. 1906-1909 entstand, ebenfalls unter Beratung von Kuhn, in Schindellegi nach dem Entwurf von August Hardegger der erste neubarocke Kirchenbau mit einem grossen, stützenlosen Einheitsraum. Die Industrialisierung im Bezirk blieb spärlich, und die aufwendige Inszenierung der Sakralbauten stand im Zusammenhang mit dem Widererstarken des Katholizismus am Ende des 19. Jahrhunderts. Noch im frühen 20. Jahrhundert galten die „Höfe“ als Armutsbezirk. Das hat sich gewandelt, aber der Entwicklung der letzten Jahrzehnte sind zahlreiche sakrale und vor allem profane, architekturhistorisch wertvolle Bauten zum Opfer gefallen. So ist die Lektüre des neuen Kunstdenkmälerbandes, der diese verschwundenen Häuser und ursprünglichen Dorfansichten dokumentiert, auch eine „Spurensuche“ in der Geschichte des Bezirks Höfe vor 1950.

Anja Buschow Oechslin
Erschienen in: k+a – Kunst und Architektur der Schweiz – 4. Hg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Bern 2010, S. 66–67.