Moderne entwerfen

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Werner Oechslin: Moderne entwerfen. – Architektur und Kulturgeschichte.
Ostfildern: DuMont Reiseverlag, 1999. ISBN 978-3-770148-18-9. - 301 S.
[Edizione italiana]
 

Rezension in der "Neuen Zürcher Zeitung"

Gedankliche Zeugungsimpulse

Werner Oechslin zur kulturellen Dimension der Architektur

Von Robert Kaltenbrunner

«Messt die Architektur an der Architektur, der Mensch ist das Mass für den Schneider», hatte Nikolai Ladowsky auf dem Höhepunkt der Bilderstürmerei Anfang der zwanziger Jahre in Moskau reklamiert. Eine Forderung, so unerhört, dass sie zwar die Kunstgemeinde in ihren suggestiven Bann zog, in der breiten Öffentlichkeit aber nicht die geringste Aussicht auf Akzeptanz hatte. Jene Portion an Utopie, die allem baulichen Schaffen inhärent sein müsste, findet hier einen so flammenden wie letztlich nichtssagenden Ausdruck. Festzuhalten indes bleibt, dass die radikale Absage der Avantgarde an die überlieferten Konventionen das Verhältnis zwischen Architektur und Rezipienten erschüttert hat. Ob Guggenheim-Museum in Bilbao oder Reichstagskuppel in Berlin: Trotz zugkräftigen Einzelevents prägt heute eine weitverbreitete Indifferenz das tatsächliche Geschehen. Hauptsache, es geht spektakulär zu.

Der «theoretische Überbau»

Die Architekturtheorie ist zum einen notwendigerweise an das gekoppelt, was tatsächlich gebaut wird; zum anderen aber zielt sie darüber hinaus auf das «Sein-Sollen» von Architektur. In jedem Fall indes ist ein ausreichend solides theoretisches Fundament vonnöten, damit das Bauen nicht jede gesellschaftliche Bindekraft verliert. Ist diese Architekturtheorie nun am Ende? Mitnichten. Sagt zumindest eine neue Publikation, die den «theoretischen Überbau» der Baukunst thematisiert – und an seiner Unabdingbarkeit festhält. Der Zürcher ETH-Professor Werner Oechslin legt in sehr beredter Form die inneren Widersprüche der «Moderne» offen, wobei es ihm jedoch darum zu tun ist, die Verwobenheit von Architektur in Geschichte und Kultur zu veranschaulichen. Er will Architektur neu etablieren als das Bildhaftmachen von Ideen zur Behausung, als gestalthafte Artikulation technischer Möglichkeiten, individueller oder gesellschaftlicher Funktionen, religiöser Bekenntnisse und politischer Machtansprüche. Und das ist nicht wenig.

Noch nie in der Geschichte hat es gleichzeitig so viele unterschiedliche Architekturströmungen gegeben wie heute. Diese Vielfalt ist die eigentliche Ursache der inzwischen zahllos gewordenen Diskussionen und Publikationen über Architektur. Gleichwohl erreicht die theoretische Auseinandersetzung um die Zukunft des Bauens – oder das Bauen der Zukunft – die breite Mehrheit nicht oder nur sehr peripher. Gerade weil der Befund so widersprüchlich ist, sollte man genauer hinsehen. Zumal er sich auf anderer Ebene eher fortsetzt denn aufhebt: Denn einerseits zeichnet sich ein zunehmendes Interesse an einer Semantisierung, an der Bedeutungsdimension der Architektur ab. Andererseits wird im Widerspruch dazu aber auch eine völlige Loslösung von jeglicher Art der Symbolisierung angestrebt, so vor allem in den Theorien und Praktiken der Dekonstruktivisten und der textuellen Architektur.

Der Horizont von Oechslins Anspruch ist nun keineswegs ins Unendliche gespannt; seine Aufsätze haben die Bodenhaftung nicht verloren. Dass «die Moderne» einem Prozess der Vereinnahmung durch die Geschichte unterliegt und dass dieser Prozess alles andere als harmonisch verläuft: das stellt den roten Faden seiner Argumentation dar. Jene Dichotomie zwischen Historizität und Zeitlosigkeit, die sowohl die Architektur als auch die Diskussion über sie bestimmt, sei im damaligen Aufbruch selbst angelegt. Die Moderne «konnte ja den Anspruch auf das einmalig Neue und Zeitgemässe wie auf das Klassische und Ewiggültige im gleichen Moment, ja im gleichen Atemzug aussprechen. Die ‹Moderne› kokettierte mit der Geschichte, um ihr den Laufpass geben zu können. Der Abschied von der Geschichte war ihr Mittel dazu, die eigene Rolle deutlicher und ausschliesslicher herauszustreichen, Mittel auch dazu, sich selbst einen überragenden Stellenwert in der Geschichte zuzuweisen.» Diese Doppelgesichtigkeit mache es auch so schwierig, mehr zu leisten als die Aufarbeitung einzelner Werke.

 

Bildhaftmachen von Ideen

Es ist offenkundig, dass es Einheitsmodelle waren und noch immer sind, die – in Anlehnung an die idealtypischen Vorstellungen des kunstgeschichtlichen Stilbegriffs – die «Erscheinungsformen» der modernen Architektur dieses Jahrhunderts letztlich bestimmen. Offenbar gibt es geheime Wirkkräfte, denen sich kein Architekt und Künstler entziehen kann. In den vorgelegten Essays deckt Oechslin auf, dass im Hintergrund stets der Wille zu Form und Stil wirksam war und nur getarnt wurde durch gesellschaftskritische Rhetorik und den Verweis auf die «wissenschaftliche Objektivität». Neben der rigorosen (aber eher emotionalen denn rationalen) Ablehnung der Geschichte hängt das natürlich auch mit dem Bedürfnis zusammen, tiefliegende und nicht «bloss» formale Gründe für die neue Architektur vorzubringen. «Das hochveranschlagte ‹Neue› tabuisiert in der nunmehr an ihrem Höhepunkt angelangten modernen Architektur deren Herkunft und damit auch die Herleitung ihrer Form.» Auf diese Weise verankert, haben sich Form und Stil der modernen Architektur schliesslich auf geradezu «klassische» Weise – gültig, repräsentativ und allumfassend – eingestellt. Dass also der «Wille zur Entwicklung eines einheitlichen Weltbildes», der Ruf nach einer über alle «individuelle Beschränkung» erhabenen «objektiven Gestaltung» (Walter Gropius) zu einem einheitlichen Formausdruck, zum vielgerühmten – und zugleich bestgehassten – «International Style» führten, ist, aus dieser Warte betrachtet, nicht viel mehr denn eine fromme Lüge.

Eben weil Oechslin so ungeniert wie tiefsinnig in alten Wunden bohrt, gelingt es ihm, glaubwürdig auf die Notwendigkeit eines theoretischen «Überbaus» hinzuweisen. Gleichwohl ist es noch ein weiter Weg bis zur Umsetzung des Anspruchs, nicht nur gebaute Architektur, sondern auch die Architekturtheorie seien nicht (mehr) an Einzelne, sondern an die Allgemeinheit, an die Gesellschaft im ganzen adressiert. Ihn zu beschreiten sei trotzdem empfohlen.