Rezension

von Andreas Denk, in: der architekt 2/11 (2011), S. 18

Am Anfang der Moderne:
Bücher über Ruskin, Viollet-Le-Duc, Messel und Muthesius

Immer, wenn es um die Herleitung dessen geht, was wir gewohnheitsmäßig als „Moderne“ der Architektur bezeichnen, ist der Schweizer Architekturtheoretiker Werner Oechslin eine feste Bezugsgröße. Spätestens mit seinem Buch über „Stilhülse und Kern“ (1994), das sich den verschiedenen Entklei- dungsvorgängen der Architektur bei Loos und Wagner im Anschluss an Boetticher und Semper widmete, hat Oechslin die De- batte um die Moderne um Grundlegendes und Weiterführendes bereichert. Seine umfangreiche Forschungsbibliothek mit 50.000 Bänden, die er in einem Bau von Mario Botta in Einsiedeln untergebracht und 1998 als Stiftung der ETH Zürich angegliedert hat, veranstaltet regelmäßig Kolloquien, die sich bislang in zwei Publikationen niedergeschlagen haben.

Der erste der Kongresse widmete sich 2000 dem Architekten und Schriftsteller John Ruskin (....), dessen Ästhetikbreviere „Stones of Venice“ und „Seven Lamps of Architecture“ zu den einflussreichsten Publikationen des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts zählen. Ruskins Vorstellung imaginierte eine harmonische Gesellschaft, die nicht maschinell, sondern handwerklich arbeitet, und die er insbesondere mit dem Formenvokabular der Gotik Italiens und Frankreichs in Ver- bindung brachte. Beides wollte er in zeitge- mäßer Form, in einer „richtigen“ Architektur wiederauferstehen lassen. Der erst kürzlich edierte Tagungsband beinhaltet unter ande- rem Beiträge von Oechslin selbst, der höchst kenntnisreich die Herausbildung einer ganzheitlichen Auffassung des Zusammenwir- kens von Natur, Kunst, Kunstgeschichte und Religion bei Ruskin umreisst, von Robin Middleton, der das Verhältnis von Ruskin zu Eugene Emmanuel Viollet-le-Duc, James Fergusson und Edward Lacy Garbett und ihre unterschiedlichen historischen Konzeptionen architektonischer Formen analysiert, und von Laurent Stalder, der dem unmittelbaren und nachhaltigen Einfluss Ruskins auf die deutsche Architektur und namentlich auf Hermann Muthesius nachgeht.

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