Marty – Husserl – Jakobson

Schenkungen an die Bibliothek Werner Oechslin / von Werner Oechslin

Husserl_Titelseite

EDMUND HUSSERL | ERFAHRUNG UND URTEIL | UNTERSUCHUNGEN ZUR GENEALOGIE DER LOGIK | AUSGEARBEITET UND HERAUSGEGEBEN | VON | LUDWIG LANDGREBE | ACADEMIA / VERLAGSBUCHHANDLUNG PRAG | 1939

UNTERSUCHUNGEN ZUR | GRUNDLEGUNG DER ALLGEMEINEN GRAMMATIK | UND SPRACHPHILOSOPHIE. | VON | DR. ANTON MARTY | PROFESSOR DER PHILOSOPHIE AN DER DEUTSCHEN UNVERSITÄT IN PRAG. | ERSTER BAND. | HALLE A. S. | VERLAG VON MAX NIEMEYER. | 1908. 

Mit Edmund Husserls Werk Erfahrung und Urteil in der Erstausgabe, die 1939 in der Academia/Verlagsbuchhandlung in Prag kurz nach Husserls Tod erschienen ist, hat uns Dalibor Vesely – Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Stiftung und wiederholt Teilnehmer unserer Veranstaltungen – ein besonders wertvolles und willkommenes Geschenk gemacht. Er notiert dazu: "This 1939 edition was discovered in second hand bookshop (Lyson Grover) in London (1982) and donated to Bibliothek Werner Oechslin in August 2000. Dr. Dalibor Vesely, Cambridge U.K.)". Das Exemplar trägt auf der Titelseite einen Besitzereintrag "N., Paris, 18-7-39", wo das Buch offensichtlich erstmals erworben wurde.

Diese Erstausgabe ist deshalb selten, weil 1939 gleich nach der Drucklegung des Werkes die Academia/Verlagsbuchhandlung in Folge der deutschen Annektion der Tschechoslowakei geschlossen wurde. Der Herausgeber und Husserlschüler Ludwig Landgrebe erzählt diesen Vorgang im Vorwort zur Ausgabe von 1948. Die gesamte, in Prag verbliebene Auflage sei im Laufe des Krieges eingestampft worden: mit Ausnahme von 200 Exemplaren, die noch 1939 an Allen & Unwin in London gesandt und von dort aus verbreitet wurden. Jenes letzte Werk Husserls sollte in der Fortsetzung der Formalen und transzendentalen Logik (1929) – so Landgrebe in der Einleitung - jene "phänomenologische Durchleuchtung der gesamten logischen Problematik" weiterführen. Was als Fortsetzung gedacht war, hat sich über die Zeit und über verschiedene Entwurfsstadien – wie üblich – zum eigenständigen Werk entwickelt. Aus einem Manuskript von 1929 stammt der Titel Erfahrung und Urteil. Anregungen kamen Husserl zuletzt vom Prager philosophischen Cercle und so fügte Landgrebe teils aus Manuskripten und Entwürfen, teils aus "freier Wiedergabe von Gedanken aus Husserls letzter veröffentlicher Schrift" (Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie) und aus dem zitierten Werk von 1929, teils aus mündlichen Erörterungen mit Husserl letztendlich eine 'autorisierte' Ausgabe dieses posthum erschienenen Werkes Edmund Husserls zusammen.

Ludwig Landgrebe hatte 1934 in Prag mit einer Arbeit über Anton Martys Semantik habilitiert und sich damit die Aufnahme in den berühmten "Cercle linguistique de Prague" verdient. (Vgl. E. Holenstein, Philosophie in der Schweiz – ein Sonderfall?, in: Philosophie in der Schweiz, hg. von M. Meyer, Zürich/München 1981, S. 9ff.). Einer der ganz wenigen, der diese Zusammenhänge kennt und zudem als profunder Kenner Anton Martys gilt, ist Elmar Holenstein. Gunst und Zufall wollten es, dass Elmar Holenstein unserer Bibliothek – gleichzeitig mit der Schenkung des späten, von Landgrebe besorgten 'Husserl' – die Werke Anton Martys, darunter die bedeutenden Untersuchungen zur Grundlegung der allgemeinen Grammatik und Sprachphilosophie (1908), übergeben hat.

Wer wird sich schon – in Anbetracht der späteren bedeutenden Tätigkeit in Prag – daran erinnern, dass der 1847 in Schwyz in eine kinderreiche Familie hineingeborene Anton Marty durch die Einsiedler Stiftsschule ging und dass vom Einsiedler Kloster aus sein älterer Bruder Martin Alois für ein Leben lang zu den Siouxindianern nach Dakota in Nordamerika zog. (Ein Ölgemälde in der Abtei des Klosters erinnert bis heute an ihn!) Anton Marty verfasste kurz nach der Einsiedler Zeit in Mainz eine Arbeit über Thomas von Aquin und dessen Lehre "über die Abstraktion der übersinnlichen Ideen aus den sinnlichen Bildern". Wenig später folgte er in Würzburg den Vorlesungen Franz Brentanos, mit dem ihn nicht nur zeitlebens philosophische Probleme und Interessen, sondern auch das schwierige Verhältnis zur katholischen Kirche nach dem Unfehlbarkeitsdogma – und damit verknüpft die 'Nichtberufung' auf den Wiener Philosophischen Lehrstuhl – verbanden. Ueber den Ursprung der Sprache handelte Anton Martys erstes Buch (1875) und von da an war der Weg zu dem, was später vereinfachend als "Sprachphilosophie" beschrieben wurde, geebnet.

Dass einige der Bücher Martys nach Einsiedeln 'zurückkehren', ist eine gute Fügung. Der älter werdende, vereinsamte Marty führte, so sein Biograph Oskar Kraus, "das Dasein eines Eremiten". Er soll sich an einen alten Eremiten ob Schwyz seines Namens erinnert haben und dies "in mundo tamquam non in mundo" kommentiert haben und dann gerne in Comenius' Orbis sensualium pictus geblättert haben, wo notabene in den gröblich ausgeführten Holzschnitten die einfache Zelle, "Stube und Kammer", gleich der Mönchszelle erscheint und eine solche auch dort abgebildet wird, wo die "philosophia", die "Welt-Weissheit" zur Darstellung gelangt.

Inzwischen hat uns Elmar Holenstein, der nach seiner Emeritierung an der ETH Zürich nunmehr seinen Lebensmittelpunkt nach Japan verlegt, nochmals und in noch viel grösserem Ausmass beschenkt. Sein gesamter Arbeitsapparat zu Roman Jakobson mitsamt einer anderswo wohl kaum vollständigeren Sammlung von dessen Schriften ist jetzt in unserer Bibliothek aufbewahrt und demnächst zugänglich. Wer wüsste, dass auch er, Roman Jakobson, sich besuchsweise in Einsiedeln aufhielt und sich – am Sihlsee – sehr wohl fühlte ... Wieder einmal: habent fata sua libelli!

Werner Oechslin