Einführungstext / Werner Oechslin

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Die Moderne hat zwar immer mal wieder versucht, die Geschichte auszublenden oder sie gar zu überwinden. Aber natürlich hat sie ihre eigene Geschichte nicht nur gehabt, sondern sie auch geformt, als eine 'neue Tradition', wie bei Giedion, oder als 'neuer Stil', wie das – übrigens ausgerechnet in Anlehnung an die Gotik – 1932 mit "International Style" geschah. Meist stand dabei die eigene, sich selbst in den Mittelpunkt stellende Darstellung im Vordergrund. Reyner Banham hat das 1955 – im Rahmen dessen, was wir als Manifest des Brutalismus lesen – als "recent history of history" umschrieben, als "inner history of the Modern Movement itself" präzisiert und auch ausdrücklich mit dieser Akzentsetzung eingefordert. Wenig später hat Nikolaus Pevsner, für den die Moderne mit Walter Gropius längst ans Ziel und an den Endpunkt gelangt war, jene neue Nachkriegsarchitektur polemisch mit dem Begriff 'historicism' belegt. Und so sind insgesamt beinahe alle verfügbaren Kennzeichnungen oder Hüllen des Geschichtlichen in den Horizont der modernen Architektur getreten.

Mehr noch, jene Geschichtsauffassung einer "inner history" war und ist so stark, dass sie bis heute den Rest zu verdrängen scheint. Nur Spezialisten kümmern sich um die Geschichte vor Le Corbusier und Gropius. Semper, Borromini und Bramante erscheinen in gleichem Masse weit entrückt. Und schlimmer, was entrückt ist, wird musealisiert oder aber 'mythologisiert', und man weiss nicht, welcher Weg der weniger verwerfliche ist.

Ist das bloss ein Versehen, ein unbekümmertes Übersehen, Folge einer Nachlässigkeit? Oder haben wir doch ein Problem mit unserem Langzeitgedächtnis und fürchten uns vor allzu andersartigen, in der Zeit zurückliegenden Phänomenen?

Geschichte hat ganz offensichtlich auch mit einer unveränderbaren Abfolge in der Zeit zu tun. Soll man dem folgen? Muss man dem folgen, um die Beliebigkeit im 'Griff' in die 'Mottenkiste der Geschichte' zu vermeiden? Wird das nicht zu aufwendig? Ist eine Geschichte des (erst) jüngst Vergangenen nützlicher als eine, die weiter zurück liegt, und wenn ja, weshalb? Oder ist es einfach Trägheit, dass wir das, was wir ja ohnehin kennen (oder zu kennen glauben) als 'unsere' und uns interessierende Geschichte erkennen und auf den Rest verzichten? Beruht dies nicht auf einem voreiligen Urteil? Ist jener Ruf nach einer "inner history of history" nicht dem ideologischen Verdacht ausgesetzt, und wird derart nicht auf allzu enge Weise der Legitimationsfunktion der Geschichte zugedient, die doch nur eine von vielen möglichen Bedeutungen der Geschichte ausmacht?

Hätten wir uns ständig mit solchen 'wirklichen' Fragen nach Geschichte und Geschichtlichkeit auseinandergesetzt, wir wären vielleicht freier von all den (scheinbaren) Bedrohungen, Einschränkungen, ungewollten Anbindungen. Wir wüssten dann, wo wir – auf der Zeitachse – stünden; wir hätten eine Antwort auf jene berühmte Frage "Wo stehen wir?" (Muthesius, Dresden, 1911). Weitergedacht, hätten wir einen Standort, wir bräuchten uns keine Sorge darüber zu machen, wie wir denn zur Geschichte stünden oder uns davon gar abhängig machten.

Andererseits blosser 'Respekt' – und Distanz – vor der Geschichte genügt kaum. Wir wollen Anteil nehmen und natürlich hinter dem "tel homme, tel drame, telle architecture", das Le Corbusier mit Michelangelo verbindet, mehr sehen und erkennen, als das, was eine Hollywood-Verfilmung in Anbetracht von soviel "passion" bieten würde. Doch alles beginnt mit einer anderen Gretchenfrage zur Historie: Wer darf und kann denn überhaupt 'kompetent' über Geschichte urteilen und berichten? Muss man sich am alten Künstlerstreit orientieren und so beispielsweise fordern, nur der Architekt selbst könne kompetent über Architektur reden? Man muss konzedieren, dass sich viele 'Geschichten' vom Gegenstand nicht nur gelöst, sondern auch entfernt haben. Also müsste man doch zumindest den Kontakt oder Zusammenschluss fördern und fordern! Wie tut man das? Sollten Architekturhistoriker ein Praktikum in einem Architekturbüro absolvieren; und sollte man nicht auch umgekehrt fordern, dass ein Architekt die Arbeitstube eines Historikers einmal von innen betrachtet?

So könnte die Fragerei munter weitergehen. Es zeigt sich, die Sache und der Sachverhalt ist ganz einfach nicht! Man kann auch sagen, es ist spannend, wie bei jeder richtigen Forschung, gerade weil das Resultat offen und – nach Massgabe dieser Schwierigkeit und des dazugehörigen Risikos – der Weg dorthin, die Methode wohlbedacht sein will. In der Tradition des alten Mediziners und Philosophen Galen hat man neben Empirie und Logik als den Grundpfeilern des Erkennens die Methode hinzugegeben, deren – verbindende – Befähigung darin liegt, die 'ratio' aus dem herauszulesen, was da ist, und so aus dem Dunkeln heraus zu einem Verständnis zu führen. (So hat es noch Semper gesehen, der die Gesetzmässigkeit "im Einzelnen" aufsuchen wollte, um so "die Grundzüge einer empirischen Kunstlehre abzuleiten", was ihn andernorts nicht daran gehindert hat, im "klaren Hervortreten gewisser Anomalien" in bestehenden Verhältnissen den Grund für Freiheit zu entdecken. Beides beschreibt den Umgang mit Geschichte!)

Es ist also sicherlich nicht so, dass man alles dem Zufall überlassen kann und soll. Auch die Geschichte besitzt ihr Naturgesetz, die Zeit, die unveränderbar in eine Richtung führt. Wir werden den historisch gewordenen Gegenstand nie und nimmer ohne die dazwischengeratene Zeit erkennen können. Der Trost ist, dass wir uns manchem Monument, weil es physisch einigermassen intakt ist, mindestens so gut annähern können, wie dies das elektronische Rastermikroskop mit seinem Gegenstand tut. In dieser Überlegung befindet sich zumindest ein Hinweis darauf, dass es gegen alle relativierenden Argumente 'wider die Geschichte' gute Gründe gibt, nicht im vornherein auf alle Hilfe und Methode zu verzichten. Man braucht sie schon mit all ihren Erfahrungen und Begriffen, soll man einigermassen verlässliche Feststellungen machen. Das 'Ding', wie man so schön sagt, der 'Geschichte überlassen' und damit de facto der Beliebigkeit übergeben, kann uns ebenso wenig befriedigen, wie jener eilig dahergeholte Nutzen beim willkürlichen Gang in den 'Steinbruch'.

Nein, es gibt gute Gründe, die Geschichtlichkeit als Herausforderung zu begreifen und sich mit ihr auseinanderzusetzen, um unsere eigene Erfahrung zu erweitern und uns dorthin zu führen, wo Kultur beginnt. Ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein lag der Äusserung zugrunde, die Heinrich August Riedel 1796 in Berlin zu der damals hochaktuellen Frage vom "Einfluss der Baukunst auf den Menschen" zu Papier gebracht hat: "Die Baukunst hat jederzeit unmittelbar cultivirt." Er hat dies ausgeführt. Zuerst habe sie die Bildung vorbereitet, und jetzt setze sie in den Stand, "darin fortzuschreiten". Ohne Geschichte geht es nicht. Und man darf auch in diesem Zusammenhang danach fragen, welcher Geschichte es bedarf, damit die Architektur in diesem Sinne "cultivirt" und in diesem kultivierenden Bemühen fortschreitet.

Längst ist die Geschichte mit Mensch und Gesellschaft zusammengebracht worden. Bei Alberti liest man schon, dass der Architekt von der Vielfalt menschlicher Bedürfnisse auszugehen habe. Auch darin, in der Anerkennung von Vielfalt und Differenz liegt der Sinn von Geschichte, in der Einsicht, dass Menschen Häuser und Städte bauen, dass sie wohnen und Gesellschaft bilden, dass sie 'urban' sein wollen und deshalb Vorkehrungen in der äusseren physischen Welt treffen. So besehen, ist die Geschichte nicht nur ein 'weites Feld', sondern stellt eine dringliche Herausforderung dar, sich mit ihr ständig zu befassen.