Einladung

Von Werner Oechslin

Das dritte Einsiedler Architekturgespräch zum Thema "Geschichte und Theorie im Architekturunterricht" ist Henry A. Millon und Stanford Anderson gewidmet, die an diesem Anlass teilnehmen werden. Die beiden haben jahrzehntelang den Geschichts- und Theorieunterricht an der School for Architecture and Planning am MIT Cambridge/Massachusetts entwickelt und geleitet. Sie haben das wohl erste PhD-Programm an einer Architekturschule aufgebaut. Und sie haben sich stetig mit der Frage auseinandergesetzt, was an Kenntnis und Wissen und welcher Umgang damit den angehenden Architekten zugedacht werden soll. 

Gerade in modernen Zeiten ist das Thema von Geschichte und Theorie im Architekturunterricht immer mal wieder in den Mittelpunkt des Interesses geraten. Als nach 1945 wieder einmal der Nullpunkt erreicht schien und man sich 1947 in Darmstadt traf, um die Zukunft unter dem Titel "Der Architekt im Zerreisspunkt" ins Auge zu fassen, bemerkte J. A. Schmoll gen. Eisenwerth, "ohne das klare europäische Geschichtsbewusstsein gäbe es keine abendländische Kultur mehr, wie es ohne Bewusstsein kein freies Leben geben kann". Die Frage 'historisch oder modern?' sei bezogen auf den Neuaufbau ein Scheinproblem, aber man könne sich auch "nicht künstlich 'bewusstlos' machen". Solche Gedanken dienten ihm insgesamt der These von der "Notwendigkeit der historischen Bildung des Architektennachwuchses". Und es ist klar, dass ihm der Gegensatz 'geschichtslos versus historistisch' zuwider war. Der Nutzen der Geschichte kann und soll sich nicht auf diese wörtliche Art beweisen, aber er darf deswegen auch nicht ins Abseits und zum blossen Bildungshintergrund geraten. Lebendige Geschichte war längst ein Schlagwort geworden, aber was das genau sei, ist so einfach nicht zu bestimmen. In welcher 'Distanz' zum Tun solch sich das Geschichtsbewusstsein einordnen? Und wie überwindet man die 'moderne' Ansicht, Wissen sei der Schöpferkraft abträglich, so wie es selbst Hermann Muthesius in seinem Grundsatzreferat "Wo stehen wir?" 1911 formuliert hatte. ("Die kunstgeschichtliche Erkenntnisarbeit verscheuchte die lebendige Architektur"). Andererseits, wie soll der Ruf – wiederum gemäss Muthesius – nach einer ausgeprägten kulturellen Bedeutung und Wirksamkeit der Architektur ohne Bildung eines Geschichtsbewusstseins vonstatten gehen? ("Denn die architektonische Kultur ist und bleibt der eigentliche Gradmesser für die Kultur eines Volkes überhaupt").

Es ist klar, man löst solche Probleme nicht mit Diskussionen von Lehrdeputaten, Stundenplänen und Prüfungsmodalitäten. Es sind im weitesten Sinne Kulturprobleme. Und welchen Ort und welche Bedeutung sich darin Geschichte und Theorie –und in welcher Verbindung – herausnehmen sollen, das ist die ewige Frage. 1947 stellte Ernst Neufert diese Problematik in den grösseren Zusammenhang einer "Ausbildung der schöpferischen Fähigkeiten bei Architekten", was aber auch er –geschichtsbewusst – mit der Bemerkung begann: "Wir stehen auf den Schultern unserer Ahnen und sind Kinder unserer Zeit".

Man hatte damals Prof. Hess von der ETH zum Vorsitzenden der Architektur-Sektion des IKIA-Kongresses gewählt, weil er "durch seine ausgleichende Persönlichkeit einen harmonischen Verlauf der Sitzungen versprach." Seinen schweizerisch-pragmatischen Blick belegte Hess in seinem Referat zur "Erziehung zum Architektenberuf" mit einem Goethezitat: "Der Bauende soll nicht herumtasten und versuchen; was stehen bleiben soll, muss recht stehen, und wo nicht für die Ewigkeit doch für geraume Zeit begnügen. Mag man doch immer Fehler begehen, bauen darf man keine." In der nachfolgenden Diskussion dankte Otto Gruber Hess "für den schönen Ausblick in die freie Schweiz, der für uns ein fernes ideales Zukunftsbild ist."

Es ist schnell ersichtlich, dass unser Gespräch sich nicht auf die Frage von Geschichte und Theorie als Gegenstand der Lehre einengen lässt. Das ist gut so und durchaus erwünscht. Andererseits ist deutlich erkennbar, dass die Frage sich auch auf den anderen Problemkreis ausdehnt, der sich an den Begriff des METIER des Architekten anschliesst. Le Corbusier und Amedée Ozenfant stellten im ersten Heft von "L'Esprit Nouveau" fest: "Le génie est une fatalité. Une esthétique se conçoit. Le métier s'apprend. Le métier comprend d'une part la science de la composition, d'autre part, la technique d'exécution". Dieser Problemkreis beschäftigt uns bis heute. Man wird die Frage von Geschichte und Theorie kaum ohne Bezug darauf diskutieren können. Wir planen andererseits, ein weiteres Architekturgespräch dem Thema des 'métier' zu widmen.