Ausschreibung und Einführung

Einsiedeln, 17. September 2008

Liebe Freunde und Kollegen, 

mit diesem Rundbrief möchten wir Sie zum

1. Einsiedler Architekturgespräch zum Thema

KONVENTION

einladen, das am 11./12. Oktober in der Bibliothek Werner Oechslin in Einsiedeln stattfindet.

Die Absicht, Architekturgespräche durchzuführen, besteht seit der Gründung der Stiftung 1998. Der mühsame Weg hin zur Vollendung des Baus und zur erhofften Konsolidierung der Stiftung hat die Umsetzung mancher Idee und Vorstellung verzögert. Nun aber sollen nach verschiedenen Anläufen die Architekturgespräche gemäss dem schon 1998 formulierten Muster beginnen:

"Einsiedler Architekturgespräche: In regelmässigen Abständen sollen mit prominenter internationaler Beteiligung Gespräche zu aktuellen und gleichermassen grundsätzlichen Themen der Architektur geführt werden. Das Gespräch steht dabei für den intensiven Austausch, bei dem Erfahrung und spontane Ausdrucksweise genauso von Bedeutung sind, wie das Bemühen, für die Probleme der heutigen Architektur Lösungen zu formulieren."

Wir sind glücklich und dankbar, dass nunmehr dieses Versprechen eingelöst und in Zusammenarbeit mit dem D-Arch der ETH Zürich das Projekt angegangen werden kann.

Um den Charakter von Gespräch und Austausch zu garantieren, haben wir eine besondere Arbeitsweise vorgesehen, die hier zusammen mit dem konkreten Zeitplan vorgestellt sei:

Samstag, 11. Okt. 2008

  • 10.00 Uhr: Eintreffen
  • 10.30-13.00 Uhr: I. "Exposition": Vorstellung von theoretischen und geschichtlichen Grundlagen; Diskussion.
  • 14.30-17.00 Uhr: II. Vorstellung von Fallstudien, Thesen, Fragen, Gegenfragen.
  • 17.30-19.00 Uhr: III. Zusammenfassung; Diskussion.
  • Anschliessend Abendessen; Fortführung des Gesprächs.

Sonntag, 12. Okt. 2008:

  • 09.00-12.00 Uhr: IV. Schlussfolgerungen; Thesen und Ausblick.
 

Ein einführendes Papier zum Konventionsbegriff liegt dieser Einladung bei. Es endet mit der Aufforderung, den Blick auf die konkrete bauliche und architektonische Wirklichkeit zu werfen und die allgemeinen Aussagen und Modelle auf den Prüfstand zu stellen. Aus diesem Grund ist das Programm vorerst weitestgehend offengehalten. Wir sind jedoch sehr glücklich, dass Roger Diener, Hans Kollhoff, Vittorio Magnago Lampugnani, Thomas Müllenbach und Laurent Stalder ihre aktive Teilnahme zugesagt haben. Um gleichwohl der 'offenen Versuchsanordnung' eine gewisse planerische Gewissheit entgegenzustellen, bitten wir ausdrücklich um Anmeldung möglicher weiterer Beiträge, sofern sie einen blossen Diskussionsbeitrag überschreiten. (Sie sollten nicht länger als 15 Minuten sein.)

Wir würden uns über weitere aktiv am Gespräch Teilnehmende freuen. Wir freuen uns sehr auf Ihre/Eure Teilnahme und verbleiben mit einem herzlichen Gruss

Werner Oechslin / Andreas Tönnesmann


Stichworte zum 1. Einsiedler Architekturgespräch (11./12. Oktober 2008)

zum Thema

K O N V E N T I O N

"CONVENTION, CONSENTEMENT, ACCORD, (Syn.) le second de ces mots désigne la cause & le principe du premier, & le troisième en désigne l'effet. Exemple. Ces deux particuliers d'un commun consentement ont fait ensemble une convention au moyen de laquelle ils sont d'accord."

"O"(= d'Alembert ), in: Encyclopédie, ou Dictionnaire Raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers..., IV, 1754, S.161.

Die knappe Definition der Encyclopédie bringt es auf den Punkt. Unsere Auffassung von Konvention führt eine gemeinsame, geteilte Einsicht voraus und führt weiter zu Einverständnis und Übereinstimmung. Mittelbar wird mitgeteilt, dass der Sinn einer Konvention erst dadurch erhellen kann, dass eine solche Übereinkunft in Aussicht gestellt wird. Darin ist das Ziel ersichtlich. In der Encyclopédie ist die der Definition von d'Alembert nächtsfolgende Erörterung nicht zufällig jener Disziplin gewidmet, die dies verbindlich festlegen, regeln und gleichsam dingfest machen kann, der Iurisprudenz. Die Konvention steht und fällt damit, dass man sich eben auf Grund gemeinsamer Einsicht in die so gewonnene Übereinkunft – notfalls verbindlich – teilt, ausserhalb von Zufall und Willkür. Ein Stück Verfestigung in einem labilen Bereich freien Ermessens, von Gewohnheit und Erfahrung. Ein "Regulativ" steht am Horizont, könnte aber gerade dies, die vorausgegangene Erfahrung und die damit gewonnenen vielfältigen Einsichten womöglich einschränken, vernachlässigen.

Die Feststellung der Übereinkunft allein genügt also nicht, sosehr die Erfahrung der beste Garant dafür sein mag, dass es zu Konventionen kommen kann und soll. Aber es verhält sich nicht so, dass die Konvention erst durch ihre Verfestigung als Norm oder Gesetz festgeschrieben und verbindlich gemacht ist, geschweige denn 'eingesehen' oder anerkannt wird. Die Einsicht, dass es Gemeinsames im Sinne einer Übereinstimmung von Wahrnehmung und Einschätzung gibt, geht jeder Regel voraus, behält sich also Freiheit und Ermessen gegenüber voreiliger Festlegung und Kodifizierung.

Der Erfahrungsbegriff ist deshalb besonders bedeutsam; er liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu demjenigen der Konvention. Daniele Barbaro, der in seinem Vitruvkommentar (1556) ohnehin Kunst aus der Erfahrung ableitet ("nasce ogni Arte dalla Isperienza") definiert es so:

"Isperienza non è altro, che notitia nata da molte ricordanze di simiglianti cose à sensi humani sottoposte, per le quali ricordanza l'huomo giudica à uno istesso modo."

Auch hier liegt der Akzent nicht auf der Erfahrung allein, umfasst stattdessen Grundlegung und Zielsetzung zugleich. Einer unterstellten, gemeinsamen menschlichen Natur (und gleichen Sinneswahrnehmungen) entspricht die Übereinkunft im (menschlichen) Urteil. Für Barbaro ist das 'Urteil' eine unabdingbare Voraussetzung zielgerichteten architektonischen Handelns und wird demzufolge dem Architekten selbst aufgetragen! Der Erfolg des Handelns richtet sich nach jener postulierten, in der menschlichen Natur verankerten Gemeinsamkeit – und deren architektonischen Entsprechung. Bis in moderne Zeiten hinein ist gerade dies immer wieder als – unabdingbare – Voraussetzung angenommen worden. Konventionen stehen dafür, dass zwischen universalen Gegebenheiten in der 'menschlichen Natur' und 'universalen' (= gültigen) formalen Ausprägungen der Architektur verlässliche Beziehungen hergestellt werden können und sollen.

Zumindest einige Dinge betrachten wir also gleich und beurteilen sie gleich oder ähnlich. Das ist die – vernünftige – Grundlage aller Konvention.

Aus diesem Grund, weil ein solcherlei fundiertes Einverständnis mit der gemeinsamen menschlichen Natur zusammengelesen wird, erhebt sich die Konvention über alles Zufällige hinaus. Sie nähert sich dem an, was anderweitig – mit den identischen Argumenten – zur 'Kultur' erhoben wird. Dementsprechend ist die Ansicht verbreitet, dass das "Bauwesen" stets entscheidend zum kulturellen Fortschritt - aus der Unkultur in die Kultur hinein – beigetragen hat, weil sie aus den menschlichen Bedürfnissen heraus, vom Schutz gegen die Unbill der Natur bis hin zur Bequemlichkeit, solcherlei Massnahmen, Konventionen gebildet hat. "Zwecke und Absichten" sind es, die auf diese Weise erfüllt werden. Riedel schreibt in seiner programmatischen Darstellung ("Allgemeine Betrachtung über Baukunst", 1796) im ersten Heft der u.a. von D. Gilly herausgegebenen "Sammlung nützlicher Aufsätze" 1797:

"Die Baukunst hat jederzeit unmittelbar cultivirt."

Das kann sie nur, wenn man ihren Werken eine gemeinsame (gesellschaftliche) Zielsetzung unterstellt. Auf diese Weise führt Konvention zur Kultur - und in einer nächsten konsequenten Verallgemeinerung in die Geschichte. "Das Normal-Volk musste", schreibt Johann Gottlob Fichte in seinen Berliner Vorlesungen von 1804/5, den "Grundzügen des gegenwärtigen Zeitalters" (1806), "wenn der eigentliche Zweck des Daseyns eines Menschengeschlechts erreicht werden sollte", über die Unkultur hinweg zur "eigentlichen Geschichte" fortschreiten, 

"die nichts weiter thun kann, als durch blosse Empirie faktisch auffassen die allmähliche Kultivierung des, nunmehro durch Mischung der ursprünglichen Kultur, und der ursprünglichen Unkultur, entstandenen, eigentlichen Menschengeschlechts der Geschichte."

Konvention, Übereinkunft, Einverständnis sind verknüpft mit Erfahrung, Kultivierung und Geschichte. Erst auf diese Weise werden jene aus dem Verdacht der Zufälligkeit entlassen, und umgekehrt einer 'gemeinsamen' menschlichen Natur verbindlich zugeordnet. Das beschreibt eine eben so einleuchtende, wie brisante Konstruktion. An ihr kommt man jedoch nicht vorbei, sobald man der Architektur jenen bestimmten Zweck, dem Menschen zu dienen, nach dem Muster des Satzes von Leonbattista Alberti, "aedificia hominum esse causa constituta in promptu est", zuordnet. Das Verbindliche ist hier nicht in eine Form oder in eine 'architektonische Lösung' gelegt, als vielmehr in den Zweck. Schinkel bringt dies auf den Punkt: "In der Kunst muss der Gedanke immer auf Verwirklichung gerichtet sein …", was dann anderorts mit der allgemeinen Zielsetzung verbunden wird, "den sittlichen Fortschritt im Menschen zu fördern."

Damit ist zweierlei berührt, dass nämlich Kultur und Geschichte und mit ihr Konvention in eine Richtung weisen und eine Entwicklung – bei Schinkel ganz deutlich auch ins "Neue" hinein – auslösen; und dass andererseits gerade diese Ausrichtung das Ganze in einen ethischen, sittlichen Zusammenhang stellt.

Diesbezüglich ist es aufschlussreich, daran zu erinnern, dass Berlage – in direktem Anschluss an Karl Schefflers Buch "Konventionen der Kunst" (1904) – 1908 davon ausgeht, dass die Zeit der gemeinsamen Übereinkunft in einer kulturellen und religiösen Verankerung endgültig vorbei sei. Man kann sich fragen, wiesehr ihn das in seinem Vorhaben gestützt hat, eine feste und verlässliche Grundlage der Architektur anderswo – einmal mehr, muss man anfügen – in der geometrischen Gesetzmässigkeit zu suchen.

Das ist nur ein kleines Indiz dafür, dass 'Geschichte' und mit ihr 'Konvention' im Zeichen der Moderne in eine Krise geraten sind. Das lässt sich allerdings nur dann so einseitig sehen, wenn man – mit Gropius u.a. – Geschichte mit Stilmimikrie gleichsetzt, wogegen doch Geschichtlichkeit mit jeder wiederholten Erfahrung beginnt, die uns das Haus durch eine Tür und über eine Schwelle betreten lässt. Konvention wird nach dem ersten 'Gebrauch' unabdingbar und lässt die Frage sehr schnell aus ihren philosophischen Verallgemeinerungen heraus-, in die Welt der konkreten baulichen Ausformungen hineintreten.

Wer dort ansetzt, wird noch ganz andere Fragen beantworten müssen. Quatremère de Quincy, der in seinem, der "Encyclopédie Méthodique" einverleibten architektonischen Begriffslexikon dem Artikel "convenance" (decorum, Angemessenheit) eben auch noch denjenigen zur "convention" folgen lässt, stellt die Frage in den Rahmen der alten Nachahmunglehre, in der die Architektur deshalb eine Sonderstellung einnimmt, weil ihr der direkte Gegenstand einer Nachahmung fehlt. Man sieht sich deshalb umso mehr dem "tribunal du sentiment" und dem Geschmack ("goût") ausgesetzt, und muss nun eben versuchen, dies durch das "jugement des convenances", durch die Diskussion und Überprüfung der Angemessenheit in Griff zu kriegen. "Convenance" meint also vorerst, den Sinn für das Angemessene zu entwickeln, "qu'on respecte les choses établies & accréditées par l'usage", um zu ermessen, "de quelle manière elle permet de faire des changemens", wo und wieviel Spielraum gegeben ist. Man handle nach Massgabe der Angemessenheit! "Convention" erscheint so besehen – bereits hier! – in einem doppelten Licht. Man riskiert, sich zu sehr an ein Modell zu halten. Andererseits regelt jede Nachahmungslehre die Dinge "par analogie", was zunächst alles offenlässt. Dagegen ist es letztlich der 'herrschende Geschmack', der uns die engsten Fesseln anlegt. So lauten einige der Einschätzungen Quatremère de Quincys, der dies ganz konkret an der gebauten Architektur beobachtet.

*****

Eine Reihe von Fragen schliessen sich hier an, von denen nur einige wenige herausgestellt seien:

  • Hat die sprichwörtliche – gegen jede Nachahmungslehre gewandte – "Neutönerei" der Moderne die Konvention ins Abseits gedrängt und ihr den Garaus gemacht? Ist Konvention gleichsam zum Antibegriff der 'avantgarde' geworden?
  • Welches sind die Gründe, die – auf der Skala des 'künstlerischen Werts' – die Rücksicht auf Konventionen weit hinter jeglicher Regung von Originalität eines Bauwerks rangieren lässt?
  • Erklärt sich die Loslösung der Konvention von dem im Grundsatz unbestrittenen, positiven gesellschaftlichen Zielsetzungen der Architektur als eine Reaktion auf die behauptete, von der Architektur übernommene Auffassung einer 'Autonomie der Kunst'?
  • Müssen sich Konvention/Gebrauch und Form als architektonische Zielsetzungen als Gegensätze gegenüberstehen, oder ist nicht gerade hier die tatsächliche Herausforderung gegeben – und auch vielfach anerkannt worden?
  • Welche anderen/neuen architektonischen Konventionen hat die 'Moderne' in die architektonische Welt gebracht? Täuscht das ('medial vermittelte') Bild darüberhinweg, dass unsere Architektur nach wie vor durch Konventionen geprägt ist?
  • Wo stehen wir? Ist unsere architektonische Welt – umgekehrt, immer noch – geprägt durch den Gegensatz der 'beiden Kulturen', einer 'vorwärtsgerichteten', am Neuen und Neuesten ausgerichteten, erfolgreichen 'Stararchitektur' und einer zurückbleibenden, pflichtschuldigst ihre Aufgaben erfüllenden konventionellen, grauen und unattraktiven Architektur?
  • Ist dies die Folge einer einseitig ästhetisch ausgerichteten Architektur? Ist das gleichbedeutend mit dem Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhanges der Architektur – mit der Stadt? Wiesehr beruht das auf einem völlig falschen Bild der Moderne?
  • Ist das eine Folge der Geschichtslosigkeit, der die Fiktion der Einmaligkeit gegenübersteht, die so schnell in der Geschichte verschwindet, so wie neue 'einmalige' Bauten wie Pilze aus dem Boden spriessen?
  • Wieweit ist diese Schere geöffnet? Ist diese Schere in unserem Kopf, oder beschreibt sie überhaupt eine Wirklichkeit? Sind diese Positionen unversöhnlich? Oder lässt sich diese Situation der 'zwei Kulturen' überwinden? Wieweit ist eine solche 'Korrektur' fortgeschritten?
  • Müsste das Interesse an 'Konvention' nicht folgerichtig dem didaktischen Anspruch einer Architekturlehre entspringen? Befinden wir uns dort auf dem richtigen Weg?

*****

Der Hinweis auf den Zusammenhang des Konventions-Begriffs mit Erfahrung, Tradition, Kultur und Geschichte soll helfen, diesen oft genug 'verpönten' Begriff aus dem Vorurteil zu befreien, um ihn radikal und aus verschiedener Warte neu zu befragen. (Man überlege sich, was allein die – trotz ständiger Verkürzung der 'Halbwertszeit' der Bauten – unabdingbare 'Verfestigung in der Zeit' der Architektur für Aufgaben jenseits des schnell Vorübergehenden und Ephemeren stellt.)

Der Blick auf die konkrete bauliche und architektonische Wirklichkeit muss das Gespräch bestimmen und die allgemeinen Aussagen und Modelle auf den Prüfstand stellen, so wie das immer wieder von Barbaro zu Schinkel und Quatremère de Quincy auch geschehen ist.

17. September 2008

Werner Oechslin