Bericht / von Benedikt Loderer

Erschienen in: Hochparterre Schweiz. News in Architektur und Design

Über das Architektenvermögen

von Benedikt Loderer

Beim vierten Architektengespräch in der Bibliothek Werner Oechslin anfangs Dezember ging’s um das «Metier oder das Berufsbild des Architekten». Métier? Zunächst mit Machen zu übersetzen, architektisch heisst das ausführen. Das Umsetzen, Durchsetzen, Einsetzen des Erdachten in die Wirklichkeit des Bauens. Kopf und Hand sind am Werk, Geist und Erfahrung wirken ineinander. Metier ist die Befähigung zur Herstellung von Bauten, der Architekt, der sich seines eigenen Verstandes bedient. Das noch nicht geschriebene Buch dazu heisst «Über das Architektenvermögen». Es wäre eine Geschichte der Moderne, die nicht formal argumentiert, sondern das Machen thematisiert. Was der Computer der Architektur antut zum Beispiel.

Zwei Architektentypen begegnen sich im Metier: Der Maurer, der Latein und der Akademiker, der Bauen lernte. Beide haben schmutzige Schuhe. Für beide gilt: Entwurf und Konstruktion sind eins. Eine scharfe Ecke ist nicht nur eine Form, sie ist auch eine Konstruktion. Soweit der bisherige schweizerische Zustand.

Einschränken aufs Metier allerdings wollen sich die Architekten nicht lassen. Nicht das Machen allein, sondern auch soziale, kulturelle, ökonomische, ökologische Kompetenz reklamieren sie für sich. Den ganzen vitruvianischen Tugendkatalog ins heute übersetzt, beanspruchen sie für sich. Allerdings schwanken sie ständig zwischen Übermensch und Opferlamm. Denn heute ist weder das Metier, noch die Führungsrolle selbstverständlich. Die Bauherrschaften trauen dem Architektenvermögen nicht und brauchen (bezahlen) die Architekten für die Erfindung der Form. Die Ausführung aber übergeben sie «den Schlägern», den Beschrieb- und Planfabriken der Totalunternehmer. Weil sie billiger und williger sind. Deren Metier ist weniger anspruchsvoll, die formale, durchkonstruierte Konsequenz kostet zu viel. Dabei geht es nicht um Ökonomie, sondern um Gewinnmaximierung.

Die Architekten werden aus dem Metier herausgedrängt, das ist das Ergebnis des Architektengesprächs. Die Amerikanischen Zustände werden schleichend schweizerisch: Die Architekten als Dekorateure und Bildlieferanten. Der Bauapparat setzt die Bauten möglichst billig um, weder die Details, noch das Material kontrolliert der Architekt. Für die Stimmung sorgt der Interior Designer.

Zwei Fussnoten noch: Beherrschen alle Architekten ihr Metier? Wollen alle die Ausführungsplanung selber machen? Die Risiken eingehen, die das mit sich bringt? Nimmt gar das Architektenvermögen ab und damit die Macht der Schläger zu?

Gute Architektur braucht gute Bauherren. Doch die sind unterdessen evaporiert, ersetzt durch die Horde der Berater und die versicherte Nichtverantwortung. Sass der Architekt früher am Tische des Fürsten, so weiss er heute nicht mehr, wessen Diener seine Herren sind.

Am Schluss doch noch ein Hoffnungsschimmer: Es soll unterdessen auch Investoren geben, die aus ökonomischen Gründen, die alte Qualität wieder verlangen. Wer den Bau selber bewirtschaften will, macht eine Langzeitrechnung, worin Architekturqualität ein Faktor ist. Wohlverstanden nicht bloss die Form, sondern auch die Haltbarkeit. Beide sind das Resultat des Metiers.