Einführung

von Werner Oechslin

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In seinem Nachruf auf Julius von Schlosser schrieb Hans R. Hahnloser 1938 zur „Kunstliteratur“, was wichtig in den Schriften alter Zeit sei, forme sich hier zu einer „Synopsis aller Gedankenkreise der Kunst“ und damit „zur einzigen Kunstgeschichte, die durchgehend alle Zeiten von einem höheren geistigen Gesichtspunkt aus überblickt.“ Doch bevor er sich weiter in jenes damals durchaus brisante Thema einer ‚höheren Kunstgeschichte’ entrücken liess, entsann er sich, dass Schlosser doch vielmehr „den Schlußstein über die mühsame Materialarbeit seines Lebens“ legen und so durchaus auf dem Boden bleiben wollte. Das „Wörtlein ‚Geistesgeschichte’“ hätte Schlosser „in der Überzeugung gemieden, daß alle fruchtbare Geschichtsschreibung von jeher ‚Geistesgeschichte’ gewesen sei.“

Dass heisst soviel wie: Der geistesgeschichtliche Gehalt braucht nicht hinzugesetzt werden, er findet sich in den Dingen selbst angelegt. Natürlich klingt Schlossers Titel „Materialien zur Quellenkunde der Kunstgeschichte“, mit dem er seine Quellenstudien 1914 neu und systematisch anging,  spröde.  Aber er tat dies im Bewusstsein um die notwendige Nähe zur Geschichte und ihrer Orientierung an den Fakten. Er betonte deshalb auch, dass es sich bei den als Gegenstand der Untersuchung gewählten „schriftlichen Quellen“ um „sekundäre, mittelbare“ Zeugnisse handelt. Sie sind deshalb in erster Linie gemäss dieser Ausrichtung und Zielsetzung zu lesen, wonach sie nämlich die künstlerische Tätigkeit selbst – „in theoretischem Bewusstsein“, wie Schlosser unprätentiös hinzufügte – zum Gegenstand haben. Nach dieser Massgabe sind es „philologische Aufgaben“ und ist es Gegenstand „kritischer Bearbeitung“, die als angemessener Umgang mit den Quellen veranschlagt werden müssen. Sobald man sich aber so angeleitet in die Quellen vertieft, sprudelt es nur so heraus, und die aus den Werken selbst gebildete Geistesgeschichte entfaltet sich wie von selbst. Die ‚Nähe zum Original’, wonach man in den Quellen liest und lesen soll, statt bloss über sie zu referieren, befördert diesen intimsten Zusammenhang mit dem Gegenstand.

Die Begriffe Quelle und Quellenkunde waren in Schlossers Zeit viel geläufiger als heute und besassen innerhalb der Geschichtswissenschaften seine Tradition. Es war also schnell erkannt, dass die entsprechende Literatur ein ständiger, oft kritischer Begleiter von Kunst und Künstlern war, vielfach direktes Sprachrohr oder aber solide ‚wissenschaftliche’ Rückversicherung. Dass aus der Zusammensicht gemäss Schlossers Absicht die „Geschichte unserer Disziplin“ entstehen könnte und sollte, war so besehen ausgemachte Sache.

Noch nicht gesagt ist damit, was denn – unser Kolloquium sehr konkret betreffend – in diesem Sinne mit der „Quellenkunde“ und ihrer text-kritischen Arbeit gemeint sei. Wie anspruchsvoll dies ist, hat Claudio Tolomei in dem berühmten Brief an den Conte Agostin de‘ Landi vom 14. November 1542 mit der Darlegung der Zielsetzungen der römischen Vitruvakademie in aller Breite erläutert. Das macht den Fall Vitruvs – noch mehr, als es die blosse Autorität des einzigen umfassenden antiken Textes zur Architektur vermag – zum Musterfall schlechthin. Es sind nicht nur Bild und Text im Vergleich, es ist die Sprache selbst mitsamt der oft ‚andersartigen’ (‚griechischen’) Terminologie; es sind die hinzugekommenen sprachlichen ‚Bereinigungen’, die dem gesuchten Verständnis zuweilen mehr als der philologischen Richtigkeit zudienen, und es sind schliesslich die weit ausholenden Kommentare, die oft in erster Linie der Vergewisserung jener „Geistesgeschichte“ dienen, welche wiederum den Sockel eines möglichst textnahen Verstehens bilden sollen.

Die Übersetzung nimmt bei diesen vielfältigen Formen und Zugängen eines philologisch fundierten Textverständnisses eine besondere Rolle ein, weil die Übertragung – und mit ihr das darin sichtbare und wirksame Verstehen eines Momentes – zum Instrument des Verstehens schlechthin und dessen (gewinnbringenden) Nachvollzugs wird. Keiner hat dies tiefschürfender bis in die letzte Konsequenz hinein beschrieben als Schleiermacher. Er weist darauf hin, wie sehr der Übersetzer nach Massgabe seines Verstehen-Wollens selbst in „das höhere Gebiet der Kunst hinüber“ gleitet. Er folgt wie auch immer stets einer Ordnung, in der „das freie eigenthümliche combinatorische Vermögen des Verfassers“ auf der einen und der „Geist der Sprache mit dem in ihr niedergelegten System der Anschauungen und Abschattung der Gemüthsstimmungen“ auf der anderen Seite zusammenfinden. Alle Möglichkeiten der Übertragung und Neubildung sind hier mitgedacht, die Paraphrase wie die Nachbildung – und stets alles unter dem Aspekt und der Zielsetzung des Verstehens.  

Es bietet sich also an, bei Vitruv verweilend und weiter ausgreifend unser Quelleneverständnis zu präzisieren und wirksam werden zu lassen. Wir setzen deshalb TEXT in den Titel und meinen damit, dass wir das Verstehen aus der Quelle selbst, aus ihrer Textur entstehen lassen wollen. Aus diesem Grunde sind in erster Linie Beiträge erwünscht, die gemäss solcher Vorgaben in die Texte eindringen und ein Textverständnis schaffen, das der Vielfalt der in ihnen angelegten Fragen und Probleme, Verbindungen und Hypothesen gerecht wird.

                                   1. Sept. 2012 / woe