Einführung

Architektonisches Wissen: Vermittlung, Austausch und Übersetzung / von Werner Oechslin

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Die Geschichtsschreibung zieht gerade Linien vor; sie will Entwicklung beschreiben, liebt es, entscheidende Wechsel und Neuanfänge festzustellen und hervorzuheben. Und wenn noch geographische Gesichtspunkte mitsamt den übergestülpten, modernen nationalstaatlichen Vorstellungen hinzukommen, ist das Chaos perfekt. So gehen wir immer noch – frei nach Vasari – von der „rinascita“ der Künste aus, feiern das „renouvellement“ als Überwindung mittelalterlicher Dekadenz, wie es Seroux d’Agincourt in seiner monumentalen Kunstgeschichte festgeschrieben hat und setzen das Gotische gegen das Moderne! Eine a posteriori festgeschriebene Fortschrittsidee bestimmt die Richtung. Doch spätestens hier geht die Rechnung nicht auf. Denn aus ‘moderner’ Sicht setzte die Architektur auf die Konstruktion und führte so, in Anlehnung an gotische Architektur – gemäss den Autoren von International Style (1932) – wieder die Vorstellung von Stil in solider Weise mit der Kenntnis und Bedeutung technischer Bauvorgänge zusammen. Ars ist wieder τέχνη und Kunst kommt vom Können, betrifft zuerst ein „Machen, Schaffen“, wie K. O. Müller im lange verbindlichen Handbuch der Archäologie der Kunst (1830) gleich zu Beginn festgehalten hat.

So hat man auch Vitruv gelesen, der mit dem Anspruch aufgetreten ist, der Architekt müsse Mathematik genauso wie Philosophie, Medizin und Literatur beherrschen. Bei dieser alles umfassenden Geste übersah man oft, dass Vitruv Akzente setzt, beispielsweise bei der „graphidis scientia“, was von Scamozzi aufmerksam gelesen wurde. Dass sich Vitruv ausdrücklich gegen das Maximalprogramm des Pytheos stellt, wurde kaum beachtet und zeigt, wie notwendig es ist, sich genauer dem zuzuwenden, was ein architektonisches Wissen sein könne und müsse. Darin sind sämtliche Fragen zu Inhalt, Umfang und Wissenstransfer, samt jenen zu den ‚Übersetzungen’, die schon Alberti mit der besonderen „oscurità“ des Vitruvtexts verknüpfte, enthalten.

Das frühe Schrifttum, insofern es in gedruckten Büchern dargestellt ist, wurde aus verständlichen Gründen mit Italien konnotiert und suggerierte wohl, dass sich Architekturwissen insgesamt von Italien aus nach Massgabe Bramantes und einer neuen Architektur ‚all’antica’ verbreitet habe. Man muss nur den Fall Fra Giocondos genauer unter die Lupe nehmen, um die fatale Wirkung solcher Vorurteile zu erkennen. Noch Quatremère de Quincy berichtete, Fra Giocondo hätte in Paris Budé die schwierigen Stellen Vitruvs nicht nur mit Worten, sondern auch mit Zeichnungen erklärt. Hieraus sei letztlich seine Vitruvausgabe von 1511 hervorgegangen, die erste, welche sich wirklich an Architekten richtete. Giuseppe Fiocco warf man noch 1980 vor, er hätte Fra Giocondo einen „architetto senza architetture“ genannt, wobei doch gerade er das Augenmerk auf die oberitalienischen, ‚gotischen’ Zusammenhänge mit Fra Giocondos frühem Projekt für St. Peter gerichtet hatte. Allein, ein Ingenieur, der für seine Brücke über die Seine gefeiert wird, passt nicht zu einer Kunstgeschichte, die Bramante und Raphael als ideale Ideengemeinschaft mit Blick auf „den Genius und die Willenskraft der grössten Meister“ darstellt. Jacob Burckhardt etwa schreibt auch: „Im Süden ist das Grosse und Schöne von selbst heilig.“ Der Künstlerarchitekt trat nicht erst in moderner Zeit mit Peter Behrens auf, er stammt aus Rom. Der Ingenieur aber ist gotisch und gehört in den Norden, wo die Konstruktion und das ‚Bauen’ interessieren.

Natürlich ist dieser Gegensatz mit entsprechenden Wissensformen verbunden und die Polarität oft genug in ein ‚Ganzes’ zusammengefasst worden. Daraus formulierte Muthesius 1901 in seinem vielbeachteten Buch Stilarchitektur und Baukunst eine Schicksalsfrage der – künftigen – Moderne. Denn natürlich betrifft es die gesamte „condition humaine“ allen Bauens. Der Blick auf die Situation um 1500 zeigt, dass solche Polarisierungen nicht nur einem Geschichtsbild entsprechen, sondern ein fundamentum in re besassen und besitzen. Daran – nicht nur an äussere Begriffe und ‚rein’ theoretische Vorstellungen – knüpfen die Fragen nach jeweiligem Wissen, das solcherlei lenkt und bestimmt: „Ob der Architekt ein Künstler sei oder nicht …“, oder ganz anders gefragt, was denn unter Vitruvs apostrophierter „scientia“ einer Architektur zu verstehen sei? Und wie komme es, dass die „ratiocinatio“ als „discorso“ und als „discours“ übersetzt wird?

Auf das architektonische Wissen bezogen stellt sich vorab die Frage, von welchen Inhalten die Rede sei, vom Bauen-Können oder von den Formen. Je nachdem, wie man die Akzente legt, stehen andere Umstände und Traditionen, andere Kontakte im Vordergrund und zusätzliche Fragen tun sich auf. Wie steht es zwischen Paris und Oberitalien, wie steht es mit den Nord-Süd-Verbindungen? Wie findet Wissenstransfer statt, und wie wird Wissen – über den individuellen Kontakt und Austausch hinaus fixiert und festgeschrieben? Was ist dabei ‚Wissenschaft’ und geniesst eine bevorzugte Behandlung? Und wie sehr ist damals Mathematik – und extensiver: das System der artes liberales mit seinen Verästelungen – eine anerkannte, geradezu ‚universale’, über alle kulturellen Grenzen hinweg gültige Grundlage? Ist Ryffs ‚zweiter Band’ seines vitruvianischen Corpus nicht eher eine „mathesis universalis“, wie sie Vater und Sohn Sturm und Christian Wolff noch im frühen 18. Jahrhundert verbindlich propagierten? Und wie überzeugend ist die Entschuldigung D’Avilers, der seine sehr partielle Übersetzung Scamozzis damit begründet, dass dieser in einem modisch-geschwätzigen Italienisch geschrieben habe?

Dem Thema sind kaum Grenzen gesetzt. Und wie so oft bei solchen Fragen, liegt die Brisanz manchmal in der kleinsten konkreten Begebenheit – in der Fallstudie – verborgen.

 

12. 9. 2013, Werner Oechslin