Einführung / von Werner Oechslin

Zum architekturtheoretischen Kolloquium 2015.

ORDNUNG (Säulenordnung) – Ordonner, ordonnancer.

 

Ordnungen


Vignolas „Regel“ galt über lange Zeit als verbindliche Grundlage für alles, was in der Architektur mit Ordnung verbunden sein wollte. Von hier aus – und natürlich im (idealisierten) Rückblick auf römische und griechische Architektur – erfolgte der Siegeszug der Säulenordnung. Fest war seitdem das Ordnungs-Verständnis mit der Säulenlehre verbunden, die ja bei Vitruv, auf zwei Bücher verteilt, keineswegs so geordnet daherkam, wie man das hinterher glauben machen wollte. Trotzdem hat sich aus dem Bedürfnis nach Autorität (verkörpert in der antiken Architektur) und nach einem einfach handhabbaren, praxisnahen Regelwerk eine Einheit gebildet, die als Lackmustest auch dann noch unverzichtbar war, als nationale Entwicklungen ‚eigene’ (sechste) Ordnungen bilden wollten. Das sprichwörtliche „Abbicci“ der Architektur fand sich in dem ‚dorisch/ionisch/korinthisch’ und in Vignolas früher in EINER Regel zusammengefassten Säulenlehre.

Gemäss Vitruv (I,II,1-2) ist Ordnung – „ordinatio“ für das griechische ‚taxis’– ein allgemeines Prinzip, das der „dispositio“ – welche die Anordnung im Einzelnen mitsamt den ‚Darstellungsformen’ behandelt – und den die angestrebte Qualität genauer beschreibenden Prinzipien – symmetria, eurythmia und decor – vorgeordnet ist. Anders gesagt, es entscheidet sich in der ‚Ordnung’, ob und wie die Qualität eines Bauwerks erreicht werden kann. Und es ist klar, dass der entsprechende Vorgang (des Bauens!) von den einzelnen Gliedern und deren Masse, von deren Quantität auszugehen hat, damit die – unter dem allgemeinen Begriff der „Symmetrie“ zusammengefasste – Qualität erreicht werden kann. Beschrieben ist dies schon in Vitruvs knapper Definition als ein Prozess ganz im Sinne der aristotelischen Habituslehre, die die Architektur als ein planvolles Tun („habitus faciendi cum ratione“) darstellt. Entscheidend ist dabei, dass alles, das Ordnungshafte, die zu erreichende Symmetrie, schon im einzelnen Werkstück enthalten ist und gleichsam nur noch daraus heraus gelöst werden muss. Das entsprechende Modul, das für die Säulenlehre zum A und O wird, ist in dem Bauwerk selbst und in seinen Gliedern enthalten und von dorther zu beziehen („ex ipsius operis sumptio e singulisque membrorum partibus“).

Wenn Brunelleschi auf seinen Streifzügen durch die Ruinen Roms gemäss Manetti eben nicht nur Ruinen sondern etwas erkennt, dem Symmetrie innewohnt, so beschreibt dies genau diesen Sachverhalt eines immanenten Ordnungsprinzips, mit dem die Architektur steht und fällt. Und es ist nur folgerichtig, dass sich die Architekten sehr ernsthaft – noch lange Zeit auf archäologischen Touren unterwegs - darum bemühen, was das nun im Einzelnen sei. Die ‚doppelte Wurzel’ dieser in unterschiedlichen Schüben angestrebten und wiedererstehenden ‚klassischen’ Kunst liegt in der Kenntnis der alten (ruinenhaften) Monumente in der Abgleichung mit dem Text Vitruvs. So steht es auch ‚manifestartig’ verkürzt in Palladios Proemio zu seinen „Quattro Libri“ (1570). Vignolas Regel (1562) ist diesbezüglich eine methodische Meisterleistung, die entsprechend lange – bis zu Le Corbusiers triumphalistischer Aussage: „Et Vignole – enfin – est foutu! Merci! Victoire“ und darüber hinaus (!) – universale Gültigkeit beansprucht.

Man muss deshalb bei Vignola nach dem Grund und nach der Begründung solch verbindlicher Ordnung suchen. Vignola führt den knappen, seiner „Regola Delli Cinque Ordini D’Architettura“ vorangesetzten Einleitungstext mit dem Hinweis auf langes Studium und lange Erfahrung ein. Im Vergleich der „scrittori“ mit dem, was er als „prattica de gli ornamenti“ einführt und reduziert, nämlich die Bauwerke selbst, habe er sich die Kriterien einer entsprechenden, gültigen Regel zurechtgelegt. Vorab geht es um Verlässlichkeit („sicurezza“). Und die Erwartung, dass eine Regel auch breite Anerkennung (und Gefallen) fände, lässt ihn schnell die (ökonomische) Notwendigkeit erkennen, sich auf Weniges zu beschränken, weshalb er sich dann auf die fünf Ordnungen festlegt. Doch die eigentliche Begründung folgt erst jetzt. Was sich unseren Augen als schön und angenehm darbietet, muss seine Ursache in der Entsprechung und Proportion von Zahlen („certa corrispondenza, et proportione de numeri“) haben. Das lässt ihn kraft Analogie zur Musik gelangen, in der die Wirkung von derlei Gesetzmässigkeiten als unmittelbar greifbar und unbestritten gilt. Erst nach dieser Aufzählung von Beobachtungen und Einsichten teilt Vignola mit, was er konkret unternommen hätte: „ho presa questa fatica piu anni sono di ridurre sotto una breve regola facile, et spedita da potersene valere li cinque ordini di Architettura detti“.

Die Säulenordnungen sind also in erster Linie der konkrete, architektonische Vorwand, um Regeln – deren erklärtes Ziel es ist, einen angenehmen Sinneseindruck zu erzeugen und zu garantieren – mit konkreten baulichen Massnahmen zu verbinden. Solches lässt sich in der Tat mit einer kurzen, einfachen und schnell anwendbaren Regel gemäss des von Vignola für wirksame Regeln bezeichneten Profils bewerkstelligen. Laugier wird dann knapp zweihundert Jahre später in seinem „Essai sur l’Architecture“ (1753) diesen Gedankengang umkehren und die Architektur von der Bindung an die Säulenordnung wieder weg führen. Auch hier spielt Ökonomie eine Rolle – diesmal im äusseren Sinne eines zu vermeidenden grossen Aufwandes. Man könne nicht überall und für jeden Zweck grosse Fassaden („des façades d’une grande étendue“) im Stil öffentlicher Bauten erstellen. Es gibt vernünftige Gründe und oft auch den Zwang auf „décorations plus simples & moins coûteuses“ zurückzugreifen. Wären Proportion und Symmetrie, somit Ordnung, ausschliesslich an die konkrete Verwendung der Säulenordnungen gebunden, so könnten einfachere Bauten den Anforderungen einer prinzipientreuen Architektur erst gar nicht genügen. Laugier stellt nun gerade umgekehrt fest, dass sich dem Architekten, auch wenn er „d’un génie & d’une capacité médiocre“ sei, ein umso offeneres, freieres Feld der Formerfindung darbiete. Und er kommt so auf die grundsätzlichen Regeln zurück, die bei Vignola der Ausgangspunkt waren, um zu den Säulenordnungen als deren (exklusive) Träger zu gelangen. Laugiers Forderungen, die bei der Suche der „beauté des bâtiments“ unabdingbar sind, lauten: „exactitude des proportions“, „élégance des formes, du choix & de la disposition des ornements“.

Damit nimmt Laugier vorweg, was die moderne Architektur genau zu jenen Bedingungen von „Edifices où l’on n’employe aucun ordre d’Architecure“ (Laugier S. 121ff.) an Anforderungen und Regeln zu sagen hat. Le Corbusier, der sich selber zum Sieger über Vignola erklärt, jedoch de facto nur alle jene geisselt, die gedankenlos Formen und ‚Ordnungen’ übernehmen, wird seinerseits genau dies fordern: „L’architecte, par l’ordonnance des formes, réalise un ordre qui est une pure création de son esprit; par les formes, il affecte intensivement nos ses, provoquant des émotions plastiques.; [...] c’est alors que nous ressentons la beauté.“ Der Architekt erscheint hier noch viel radikaler als der Ordnungsmacher; die Ordnung entspringt seinem Kopf und ist nicht mehr an das äussere Artefakt gebunden. „Ordonnancer“ ist jetzt das magische Wort. Aber natürlich holt sich auch Le Corbusier bei der Mathematik, in der Proportion und deren baugeschichtlichen Tradition seine Inspiration; und auch er sucht wie Vignola „sicurezza“ und vergewissert sich – Thiersch folgend – mittels „tracés régulateurs“.

Le Corbusiers berühmte Definition aus „Vers une architecture“ (1923) setzt den Architekten in Kontrast zur „Esthétique de l’ingénieur“; vor ihm hat Walter Gropius genau so gegen die Industriearchitektur amerikanischen Zuschnitts mit der kulturellen Eigenleistung des Architekten argumentiert, mit (deutschem) Geist und mit Eleganz, was ja schon Laugier ausdrücklich hervorgehoben hat – gleichsam als allgemeine Sinngebung der Säulenordnungen, auf deren konkrete Anwendung man dementsprechend verzichten kann.

Ordnung erweist sich somit als ein sehr viel universaleres Prinzip, als es im ‚Dekorationssystem’ der klassischen Säulenordnung allein erkennbar ist. In der Zeit, als sich Gropius und Le Corbusier um die ästhetische Grundlegung einer Architektur zu modernen Bedingungen bemühten, hatte Hans Driesch seine „Ordnungslehre“ gleich dreimal als „System des nichtmetaphysischen Teiles der Philosophie“ vorgelegt und dabei durchaus den „normativen“ Charakter einer, wie er einleitend feststellte, in der Tradition der alten Logik und Kategorienlehre befindlichen Lehre bedacht. Einmal davon abgesehen, dass Driesch dem Menschen generell einen Ordnungsdrang unterstellt, bedient er sich in seinem Modell des „Ordnungswollens“ durchaus ‚architektonischer’ Kriterien. Man gelangt vom „Etwas“ und den einfachen Seins-Formen über Logik, Geometrie und Arithmetik zu den konkreten, ‚geordneten’ Verhältnissen, die der Mannigfaltigkeit genauso wie dem Haushalt vom Ganzen und den Teilen zugeordnet sind.

Die Architektur hat sich stets diesen Fragen zugewandt, und die französische Theorie im 18. Jahrhundert hat nichts so deutlich herausgestellt, wie die zwischen „règle“ und „variété“ oszillierende Dynamik. Insofern passt auch das Dekorationssystem der Säulenordnung mitsamt der gesuchten ‚Eleganz’ in diesen Haushalt des Einzelnen und des Ganzen. Le Corbusier ist sich dieser Tradition sehr wohl bewusst, wenn er in „Une maison – un palais“ schreibt: „Voilà qui est fondamental en notre nature: ordonner; ordonnancer. Ordonner, ranger, disposer, mettre en ordre. [...] Ordonnancer, acte émanant d’une autorité suprême. [...]“. Mit diesem doppelten Begriff zeigt er an, was schon bei Vignola spürbar auf seiner Suche nach der Regel leitend war. Man sucht beides, die gestaltende Kraft des Künstlers wie auch die verlässliche Grundlegung in gültigen, ja geradezu naturgesetzlich verfestigten Gesetzen. Wie man die Akzente hier legte, bestimmte über Jahrhunderte die Einschätzung und die Deutung der Ordnung als einer zentralen Instanz architektonischen Tuns und Denkens. „La plus noble partie de l’ordonnance du bâtiment est la Colonne, & c’est d’elle que dépend le reste des Ornemens.“ Was der von Le Corbusier bewunderte François Blondel zu Beginn seines  Cours d’Architecure“ 1675 schrieb, hat über die blosse Lehre von den Säulenordnungen hinaus paradigmatischen Wert. Der Vorteil jener „ordonnance“ lag darin, dass sie, wie es ja von Vitruv vorgesehen war, im Bauwerk selbst und nicht bloss in einer ‚theoretischen’ Vorstellungswelt aufgehoben war. Dass sich die Architektur schwer damit tat, auf eine solche ‚materielle’ Referenz zu verzichten, lässt sich kaum übersehen. Sie hat sich stets besser auf konkrete Grössen von Mass und Zahl als auf abstrakte Proportionen verstanden. Auch wenn in jüngerer Zeit gerade diese Dinge immer wieder vermengt wurden, lässt sich diese ‚moderne Krise’ kaum wegdiskutieren.

 

                                   Werner Oechslin