2005: Wissensformen

Titel

6. Internationaler Barocksommerkurs

Sonntag, 10. Juli 2005 bis Donnerstag, 14. Juli 2005

Die Tagungsakten sind 2008 erschienen. [Inhaltsverzeichnis]

Zur Einführung

Von Werner Oechslin

Wissensformen – Formen des Wissens! Es soll also darum gehen, dass und natürlich insbesondere wie 'Wissen' in eine Form gesetzt wird, wie Wissen 'gebildet', 'aufgebaut', 'gestaltet' wird. Zwischen (abstrakter) Figur und (dinglichem) Bild mögen diese Formen beliebig oszillieren. Es soll vorerst keinerlei Einschränkung gelten als eben die, dass, wenn "die (reine) Spekulation, aus dem Begriff, den sie von sich selbst aufstellt, heraustritt, und sich zum System bildet", "sich und ihr Princip" verlässt, was Hegel 1801 gleich anschliessend, weiterführend in die passende Formel bringt: "sie übergibt die Vernunft dem Verstand, und geht in die Kette der Endlichkeiten des Bewusstseyns über". Ob man das gleich auch als "zum Verstand herabpotenzirte Vernunft" begreifen soll, kann man offenlassen. Richtig ist allemal, dass mit den Wissensformen solcherlei – endliche – Gestalten anvisiert sind und dass das 'Systematische' wohl so oder anders mit ins Visier gerät. Der kleinste gemeinsame Nenner von Systemen meint eine irgendwie geartete Anordnung, der man dann auch noch einen irgendwie gearteten inneren (Sinn-)Zusammenhang unterstellt. ("Un système n'est autre chose que la disposition des différentes parties d'un art ou d'une science dans un ordre où elles se soutiennent toutes mutuellement, & où les dernieres s'expliquent par les premieres", beginnt Condillac seinen "Traité des Systèmes".) Auch hier ist vorausgesetzt, dass dies für die abstrakten Zeichen von Figuren genauso gelten kann wie für die figürlichen (!) Elemente eines Bildes. Die einzige Unterstellung bezieht sich stets darauf, dass die einzelnen Elemente nicht nur für sich selbst stehen oder nur sich selbst darstellen, sondern in dem gewählten Zusammenhang einen neuen Sinn, eine Bedeutung bilden, oder eben 'konstituieren', wodurch sie als entsprechend gebildete "Wissensformen" erfahrbar und fassbar werden. Was schliesslich der Inhalt oder der Umfang eines entsprechenden 'Wissens' sei und welchen Platz dabei jene 'konstituierende' Bedingung einnimmt, bleibt offen; es bedarf der Untersuchung und Darstellung.

So besehen fällt sehr viel in den Rahmen unserer Betrachtung. Ob es sich um ein barockes Thesenblatt handelt, das komplexe philosophische Lehrsätze auf einem grossformatigen Papier zusammenfasst, oder um ein ganzes Dekorationssystem, das die gewölbten Decken eines Kirchenraums mitsamt ihren gemalten Deckenspiegeln überzieht, stets gibt es eine äussere Form, in die das entsprechende 'Wissen' gepackt und dabei in eine – erkennbare – Ordnung gebracht wird und so letztlich zur Darstellung gelangt. Dem Thesenblatt und dem bemalten Kirchengewölbe ist übrigens gemeinsam, dass sie endlich, begrenzt sind, so unterschiedlich ihre objektive Grösse auch sei. Damit geht eine weitere Gemeinsamkeit so gefasster 'Wissensformen' einher: das komplexe Ganze soll möglichst auf einen Blick erfasst werden. Bildhaftigkeit und räumliche Begrenzung führen in diesen Fällen also zu einem weiteren schnell erkennbaren Vorteil, der unmittelbaren Wahrnehmung. Abkürzung und Vereinfachung sind öfters die besonderen Attribute solcher Bild und Figur gewordenen Wissensformen. Umsomehr können sie Ordnung stiften, wo ansonsten Unübersichtlichkeit herrscht. Lesbarkeit und Bildhaftigkeit schaffen Formen der "Unmittelbarkeit", die dem Verständnis und der "Sinndeutung" förderlich sind. "...ut ars magna facilius sciatur..." ist die Zielsetzung der Lullschen "ars brevis": es entspricht einem nachvollziehbaren, begründeten Bedürfnis komplexe Zusammenhänge beispielsweise durch eine einfache Figur zugänglicher, "griffiger" zu gestalten. Auch dies betrifft wiederum die abstraktere Welt der Figuren genauso wie die scheinbar offenere Bildwelt.

Wenn man von solchen Ansätzen und Fragen ausgehend das 'barocke Universum' betritt, begegnet man auf Schritt und Tritt so gearteten, wie auch immer gegliederten und gestalteten "Wissensformen", wobei dieser etwas schale Begriff ja nur dazu dient, die Vergleichbarkeit der entsprechenden Konstrukte und Phänomene zu unterstellen und mittelbar die Aufmerksamkeit gerade auf den Reichtum solcher Formen und Gestalten zu lenken.

Es sollte das Ziel unseres diesjährigen Barocksommerkurses sein, eine Vielfalt solcher "Wissensformen" – mit dieser Absicht des Beobachtens der Genese, der Konstituierung solcher Denk- und Bildformen – in den Vergleich zu setzen. Es versteht sich von selbst, dass eine solche Betrachtungsweise die Vorstellung von "Wissensformen" 'in nuce', das absichtlich erstellte, geplante theoretische Gerüst – wie, gleichsam epochebildend, in Alsteds Enzyklopädie – genauso einschliessen soll wie die – scheinbar zufällige, vorerst vielleicht versteckte Ordnung – im einzelnen Kunstwerk. Das 'Künstliche' und 'Virtuose', das "artificio" soll dabei natürlich, da ja der Prozess der Konstituierung im Vordergrund steht, gebührend beachtet werden. Dass Spekulation und Phantasie und Fiktion in 'barocker' Zeit in einem besonders kreativen Verhältnis zueinander stehen, mag rechtfertigen, dass wir diesen Fragen im Rahmen unserer Barocksommerkurse nachgehen wollen. Aber, es soll dies – wie gehabt – zu keinerlei Einschränkung führen. Das Gespräch, und dafür werben wir einmal mehr, wird erfahrungsgemäss durch Abweichung, durch Überraschung belebt und bereichert. Zu eng ist jedenfalls das Thema der "Wissensformen" kaum. In diesem Sinne laden wir herzlich ein, bitten um Beiträge, Vorschläge und Anregungen.

Um allen Missverständnissen entgegenzutreten, darf am Schluss an eine berühmte Episode (kunstgeschichtlicher) Inhaltsforschung und an die dabei gemachten kritischen Bemerkungen erinnert werden. Am Ende seines Schifanoia-Vortrages, der 1922 unter dem Titel "Italienische Kunst und Internazionale Astrologie im Palazzo Schifanoja zu Ferrara" erschien, mahnte Aby Warburg: "Kommilitonen! Die Auflösung eines Bilderrätsels – noch dazu wenn man nicht einmal ruhig beleuchten, sondern nur kinematographisch scheinwerfen kann – war selbstverständlich nicht Selbstzweck meines Vortrages." Es folgte die Kritik an einer Kunstgeschichte, die durch unzulängliche allgemeine Entwicklungs-Kategorien und im tastenden Suchen zwischen einer "allzu materialistischen oder allzu mystischen Grundstimmung" den Gang zu einer – "noch ungeschriebenen" – "'historischen Psychologie des menschlichen Ausdrucks'" letztlich behindern würde. Das bleibt aktuell. Die "Auflösung von Bilderrätseln", mit dem man allzu häufig immer noch 'Verstehen' gleichsetzt, reicht in der Tat nicht aus, bleibt vordergründig und bloss beschreibend. Ein tiefer dringendes Verstehen von Figuren und Bildern beginnt in der Tat dort, wo – im Sinne obiger Hinweise – der Prozess der Bildfindung selbst mitsamt den Bedingungen ihrer Formen und Symbole in die Betrachtung einfliessen soll. Condorcets Diktum "...attacher des signes à tous ces objets, pour les reconnoître mieux..." (1795) beschreibt in diesem Sinne ein offenes Feld kultureller Wirklichkeit, das zu beackern in jedem Falle lohnt.