Architekt und / versus Baumeister

7. Internationaler Barocksommerkurs

Sonntag, 09. Juli 2006 bis Donnerstag, 13. Juli 2006

Die Tagungsakten sind 2009 im Druck erschienen.  [Inhaltsverzeichnis]

Zur Einführung

Von Werner Oechslin

Die Moderne und noch mehr das aktuelle ‘star-system’ haben das Bild eines Architekten geprägt, der in erster Linie als Künstler und Schöpfer auftritt. Autonomie ist längst die Maxime. Dienstleistung ist dem abträglich. Und ‘Dienst an der Gesellschaft’, wie das in vitruvianischer Tradition Leon Battista Alberti als Legitimation und Sendung des Architekten eingeführt hat, klingt altmodisch. Kurzum, unserer an modischen Begleiterscheinungen und Dekorationen so reichen Zeit, in der der Architekt das Schwarz wie ein Ordenskleid trägt, ist der Kontext abhanden gekommen, der mit der Aufgabe des Architekten sinngebend und begründend den Nutzen für die Gesellschaft hervorhebt. Ob das der Grund ist, weshalb der heutige Architekt, zumindest dort, wo er medial erfolgreich auftritt, ein prominenter ‘player’ der medialen Bildkultur ist, oder ob umgekehrt der Architekt sich nach Massgabe seiner Inventionen und Bildphantasien von den überkommenen Aufgaben loslöst, ist einerlei. Tatsache ist, das beides, die Autonomie und die Sehnsucht nach ‘icons’, an der Hochstilisierung der heutigen Auffassung vom Genie-Architekten seinen Anteil hat. Dieser situiert sich irgendwo zwischen dem Demiurgen und Weltbaumeister; sein Erfolg misst sich daran, ob ihm dies wie einem ‘Star’ unvermittelt gelingt, was gleichbedeutend ist mit der Feststellung, dass jedes Eingehen auf Anbindungen und Abhängigkeiten dieser Ambition zuwiderläuft.

Diese Architektenauffassung hat längst Tradition. Von Langbehns ‘Rembrandtdeutschen’ (1890) zu Gropius’ Bauhausmanifest (1919) erhallte der Ruf nach dem Architekten als ‘Leitfigur’. Und weiter zurück hat der Geniekult generell nicht nur die Autonomie, sondern auch die Unantastbarkeit des Künstlers propagiert. Mittelbar hat auch die Kunstgeschichte dieses Vorurteil übernommen und im Gleichgang mit der häufig genug erfolgten Ablösung der künstlerisch-ästhetischen Wirklichkeit dies und nur dies betont, als ob der Künstler und Architekt ideator und movens in einem und dies ausschliesslich gewesen wäre. Das passt allerdings nicht immer zu den verschiedenen Regionen und Zeitläufen kulturellen Geschehens. Anders gesagt, die Verdrehungen und wirklichkeitsfremden Sichtweisen fallen je nach Kontext mehr oder weniger drastisch auf.

Die Zeit ‘um 1700’ bietet sich bezogen auf den Kulturraum nördlich der Alpen besonders an, um beides, die Unterschiedlichkeit und die Veränderung des Status’ und der Bedeutung des Architekten – mit Blick auf die grundsätzliche Frage nach dessen Auftrag und Kompetenz – einer Betrachtung zu unterziehen. Das Jahr 2006 eignet sich zu diesem Thema in besonderer Weise, weil der 350. Geburtstag Johann Bernhard Fischer von Erlachs und Bruder Caspar Moosbruggers, die übrigens auch in demselben Jahr 1723 verstarben, zu feiern ist. Nichts scheint unterschiedlicher zu sein als der Status des Klosterbruders im Bergkloster Einsiedeln und andererseits derjenige des kaiserlichen Architekten in Wien, der nicht nur das Wienerische Versailles in Schönbrunn entwirft, sondern auch mit seiner «Historischen Architectur» das Kaiserreich in seiner jüngsten, weit nach Osten reichenden Ausdehnung mittels einer auf den Denkmälern der Architektur aufgebauten «istoria provata» zelebriert.

Aber gerade hier beginnen die Probleme der kunstgeschichtlichen Exegese. Linus Birchler hatte die Figur Caspar Moosbruggers aus der lokalen Klostergeschichte herausgehoben und – im Gleichgang mit der modernen Begeisterung für ‘Geist’ und ‘Formwille’ – verabsolutiert. «Dieses Kirchenschiff von Einsiedeln gehört nicht mehr in den Kreis der Vorarlberger Bauten hinein. Es steht abseits und hoch über ihnen.» Also blieb ihm nichts anderes übrig, als Moosbrugger in den direkten Vergleich mit Johann Sebastian Bach zu stellen: «Barock das Eine wie das Andere.» Einsiedeln erschien jetzt – auf die modernen, idealtypischen Stilbegriffe ausgerichtet – als «die freieste Raumsteigerung des deutschen Barock». Man kann sich vorstellen, wie Birchler reagierte, als Adolf Reinle die versuchten Spekulationen zu Moosbruggerschen Bildungsreisen nach Italien kommentierte: «Mosbrugger wurde nicht angeregt, sondern Mosbrugger wurde deutlich diktiert.» Weg mit der Autonomie! Plötzlich stand wieder der Abt da, der sich mit dem Conte Marsigli austauschte, und daraufhin Vorkehrungen für eine verbesserte Ausbildung seines Klosterbruders traf, auf dass die anstehende Aufgabe in angemessener Weise gelöst werden könne. Birchler konnte sich umgekehrt gar nicht vorstellen, dass die Klostergemeinschaft nicht blindlings ihrem klostereigenen Genie folgen würde. In den Einsiedler Archiven erschiene «nirgends der Name eines fremden Architekten, den man beigezogen hätte.» Auch dies hat sich mittlerweile als falsch erwiesen. Das Kapitel bestand auf der Notwendigkeit gutachterlicher Ergänzung. Und Franz Beer, der davon offensichtlich erfahren hatte, reichte sogar ungefragt ein eigenes Projekt ein.

Verabsolutierung des Künstlerstatus! Diese verklärende Sichtweise hatte ja auch Fischer von Erlach erreicht: bis hin zu seinem berühmtesten Interpreten, Hans Sedlmayr, der ihn zusammen mit Schlüter zu den «ersten grossen deutschen Künstlern» seit dem «Untergang der altdeutschen Kunst» zählte. Dabei bleibt bis heute offen, welcher Gestalt die künstlerische Tätigkeit Fischers – wie diejenige Schors – in Rom und Neapel war; wohl eher eine untergeordnete, im wahrsten Sinne des Wortes ‘ephemere’, weshalb denn die Zeugnisse so spärlich sind. Das kontrastiert natürlich mit der späteren Entwicklung, für die dann Begriffe wie «Reichsstil» oder «Kaiserstil» oder derjenige einer «europäischen» Architektur (Pinder) herhalten mussten.

Fragen tun sich auf! Sie zielen auf den unterschiedlichen Status des Architekten ‘um 1700’, auf die unterschiedlichen Kompetenzen. Es interessiert diese Frage ganz besonders in einer Zeit, die traditionell mit der ‘Ablösung’ der italienischen Meister durch ‘einheimische Baukünstler’, also mit Wechsel und Veränderung, verbunden wird. Es interessiert aber gerade auch der unterschiedliche soziale Status: Fischer von Erlach im Vergleich zum Klosterbruder, der seinen Gelübden zum Gehorsam und seinem Abt verpflichtet ist, und sich nicht wie sein Vorarlberger Kollege und freier Bauunternehmer Franz Beer aufs Pferd schwingen und verschwinden kann, wenn es ihm gerade passt. Die Rolle des ‘Ordensarchitekten’ betrifft im Übrigen nicht nur die Theatiner oder die Jesuiten, auch bei den Benediktinern gibt es eine geordnete Bautätigkeit mitsamt einem Beziehungsnetz, das beispielsweise Moosbrugger als weitherum gereister Gutachter bespielt. Konsequenterweise muss der Blick weiter auf die Fragen der Organisation der Arbeit bis hin zu den sich selbst regulierenden ‘Bautrupps’, zur Zusammenarbeit des Baumeisters mit Stukkateuren und Malern und Bildhauern gelenkt werden.

Diese einleitenden Gedanken mögen genügen, um das Thema des vom 9. bis 13. Juli 2006 stattfindenden Barocksommerkurs zu umreissen. Man soll dabei die Einschränkung ‘um 1700’ nicht zu ernst nehmen, dafür umso mehr auf die Besonderheiten des damaligen Architekten-’Berufs’ verweisen, der ja keineswegs ‘gesichert’ war und schon gar nicht einheitlich aufgefasst und ausgeübt wurde. Es interessiert umgekehrt die Vielfalt und vielfältige Verbreitung architektonischer Kompetenz und deren Einbettung in andere Wissensbereiche und Tätigkeiten, irgendwo auf dem breiten Spektrum zwischen Mathematik und Bauhandwerk.

Der Barocksommerkurs soll durchaus die – einen solchen Kontrast deutlich hervorhebende, wenn nicht gar paradigmatisch bezeichnende – Achse Einsiedeln-Wien respektive Fischer von Erlach-Moosbrugger betonen. Deshalb ist uns die besondere Mitwirkung von Robert Stalla, der gleichsam den ‘anderen’ Pol vertreten soll, und mit ihm der Wiener Kolleginnen und Kollegen besonders angenehm und lieb. 

Damit die in diesem Jahr vielleicht enger gesetzte architekturgeschichtliche Thematik nicht restriktiv erscheine, sei andererseits angefügt, dass es sehr nützlich ist, andere ‘Kompetenzen’ in ihrer Zeitbedingtheit, ihrer Vernetzung und Bedeutung darzustellen, oder aber dies auf grundsätzliche Weise zu bedenken. Ausbildung und Bildung werden unvermeidbar in den Mittelpunkt des Interesses rücken.

 

Wir freuen uns sehr auf den kommenden Barocksommerkurs, der in der nun zu Ende geführten Bibliothek stattfinden soll.

 

Aus konkretem Anlass veranstaltet das Bregenzer Landesmuseum in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich und unserer Bibliothek eine kleine Ausstellung zum Thema der ‘Vorarlberger Barockbaumeister’, welche die besondere Ausrichtung auf die architektonische Praxis bis in die heutige Zeit verfolgen soll. In ihrem Zentrum stehen die ‘Auer Lehrgänge’ als ‘Bildungsgrundlage des Praktikers’.