Einführung

Athos

8. Internationaler Barocksommerkurs

Heilige Landschaft – Heilige Berge 

Sonntag, 08. Juli 2007 bis Donnerstag, 12. Juli 2007


Zur Einführung

Von Werner Oechslin

Dort wo die Landschaft mitsamt ihren alten Wegsystemen noch einigermassen intakt ist, finden sich auch häufig Wegkreuze und Kapellen. Man erinnert sich an 'alte' Pilgerwege, benutzt sie wieder. Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela erfreut sich seit einiger Zeit grösster Beliebtheit. Man erinnert sich, dass Religion weit über den Sakralraum hinaus in den Raum hineingegriffen hat, dass Landschaft und die Erhebung, der Berg insbesondere eine Rolle spielen. Man bemerkt auch schnell, dass diese raumgreifende Dimension mitsamt der Verwurzelung in der Natur vielen Religionen gemeinsam ist. Es bietet sich an, dem genauer nachzugehen, weshalb der Barocksommerkurs 2007 dem Thema „Heilige Landschaft –Heilige Berge" gewidmet ist.

Eine der bekanntesten 'Wallfahrten' ist wohl die Aachener Heiligthumsfahrt. Joh. Pet .Jos. Beissel, der 1860 dazu einen Führer herausgibt, lässt schon im Titel wissen, dass sich damit insbesondere die «Reliquien-Verehrung» verbindet, womit eben auch das «von den Heiligen bei ihrem Hingange in die selige Ewigkeit auf Erden Zurückgebliebene, noch Vorhandene» gemeint ist. «Etwas Übriggebliebenes» ist es, was an bestimmen Orten wohlgehütet und in kostbare Materialien gefasst «den frommen Gläubigen von Nahe und Ferne zur innern Erhebung öffentlich vorgezeigt werde» und so – «beim Herannahen der für die Bewohner Aachens' segensvollen Zeit» – den Gang zu diesen Reliquien in Bewegung bringt. Die «peregrinatio» bildet die grosse Metapher des Lebens und ist an die heilsgeschichtliche Zielsetzung gekoppelt. All dies wird in dem Masse 'lesbar' und 'erfahrbar', als es aus dem Bereich des Göttlichen – gemäss der Formulierung Solgers – durch den Menschen «in seine Sphäre herabgezogen» wird. Die alte Rhetorik benützt dazu die Formel des «docti rationem, indocti voluptatem intelligunt». Sinnenfällig soll es sein. Es bedarf der äusseren Hilfsmittel und so auch der Einsicht (wiederum gemäss Solger): «Wer Gott in seinem Geiste nicht erreichen kann, der suche ihn in Bildern, er irrt nicht.» Das macht schliesslich das aus, was Schelling in seiner Analyse «Über die historische Construction des Christenthums» in die Formel setzt: «Diese symbolische Anschauung ist die Kirche, als lebendiges Kunstwerk».

Dazu gehören nicht nur die Reliquien in ihren kostbaren Behältnissen, sondern eben auch der Gang zu ihrem Aufbewahrungsort; und das erschöpft sich nicht in den Sakralbauten, sondern bezieht sich auf die 'Umgebungsarchitektur', die 'Ambitenanlagen' (so die entsprechende Untersuchung zur böhmischen Wallfahrtsarchitektur von Franz Matsche) und gleichermassen auf deren Einbettung in der Landschaft oder deren sichtbare Positionierung auf Anhöhe und 'Berg'.

Dazu wenige Anregungen:

1. Das Oben und Unten hat bei allen Veränderungen unseres physikalischen Weltbildes seine universale Bedeutung im Symbol erhalten. Oben steht für Gott, unten ('hienieden') führt der Mensch seine Existenz und dazwischen gibt es gelegentlichen Austausch: als häufige Reisetätigkeit in der antiken Mythologie und als seltenere Himmelfahrten und Niederkunft in christlicher Tradition. In der Einsiedler Darstellung der durch Gott selbst durchgeführten 'Engelweihe' erscheint dieser – samt Gefolge – in Stich und Fresko ('in loco') genauso wie Raphael den Olymp (bei der Beratung des 'Falls' Psyche) darstellt. Oben und unten sind so in ihrer Bedeutung und in ihrem Sinn nachvollziehbar. Das «nil superius» – nichts ist 'über' Gott – wird räumlich konkret. Beim Vermittlungsakt göttlicher Wahrheit von oben («Deus loquens») nach unten durch Christus sind es nach dessen Himmelfahrt nach oben die Augenzeugen, die – unten geblieben – authentisch berichten können: «Quod vidimus, et audivimus, annuntiamus vobis.» Auch hier wird sinnenhaft, Menschen zugänglich, berichtet. 

Aus solchen Hinweisen auf 'gott-menschliche' Dialoge in der Vertikale allein schon ergibt sich die Einsicht in die privilegierte Stellung hochgelegener Heiligtümer. In der 1614 von Cesare Tettamantio publizierten Geschichte des Sacro Monte von Varese wird umgekehrt die Vielzahl 'biblischer' heiliger Berge zitiert, die den Pilgerort über Varese umso wertvoller und gnadenreicher erscheinen lassen soll. Diese Geschichte reicht dann von der Arche Noah, die erstaunlicherweise auf einer Bergspitze strandet, führt zu Moses auf dem Sinai und natürlich zu den Bergen der Vita Christi, Tabor (Transfiguration), Kalvarienberg (Kreuzigung), dem «Monte Oliveto» (Himmelfahrt) und dem «Monte Sion» (Pfingstwunder). Solches wird dann nicht nur in der katholischen asketischen Literatur, so in Paul Praxls Drey Heilige Berge, Sion- Oel- und Calvari-Berg … (1710) verarbeitet, es findet sich gleicherweise in der lutheranischen Erbauungsliteratur, so bei David Hollatz in seinem Die gebahnte Pilger-Strasse nach dem Berge Sion, der Stadt des lebendigen Gottes, und himmlischen Jerusalem … (1744). Buchtitel allein schon geben an, wie reich die symbolischen – und heilsgeschichtlichen –Bezüge sind. Der Weg zu Gott führt immer wieder nach oben. In den von Boethius a Bolswert für das verschiedentlich aufgelegte Werk des Jesuiten Anton Sucquet angefertigten Stichen sind es teilweise breiteste Strassen, die 'sinnfällig' vom unteren zum oberen Bildrand führen. Man befindet sich schon längst wieder auf Pilgerfahrt. Der «Daemon Geographus; Christus Astrologus» ist nahe; er steht als Titel über einer Predigt, die dem Vers aus Matthäus «duxit illos in montem» gewidmet ist. 

2. Die Einbindung in die eigene Erfahrungswelt ist Mittel der «peregrinatio» zu Gott. Und man hält sich, um dies zu stützen und gleichsam zu beglaubigen, an die Zeugnisse biblischer Geschichte. Alle nur erdenklichen äusseren, materiellen Spuren sind nicht nur zugelassen, sondern erwünscht. 

Es geht stets um Sichtbarmachung, um physische Präsenz. In der 'Wallfahrtsarchitektur' der «Sacri Monti» erscheint das Heilsgeschehen in maximaler Illusion kraft realistischer Gestaltung der farbigen, mit echten Haaren und Kleidern ausgestatteten Figuren. Man unterlässt nichts, um beim Wallfahrer, der sich auf den Berg bemüht, den Eindruck zu wecken, er befände sich inmitten des originalen Geschehens. Authentisch – wie bei der, zertifizierten, «vera effigies» – soll es sein. Danach richtet sich der 'Wahrheitsgehalt' der Darstellung. In Varallo geht der Pilger die gleichen Wege 'von Pontius zu Pilatus', also quer durch die nachgebaute Anlage Jerusalems, hin und her, und erfährt hier authentisch, Schritt für Schritt, den Leidensweg Christi.

Diese ganz besondere Art der 'imitatio', der alle Formen von bloss indirektem Symbol und von (künstlerischer) Abstraktion deshalb fern sind, weil sie bloss ablenken und wegführen, erhält ihre Legitimation durch den heilsgesschichtlichen Zweck und – diesem zugeordnet – durch die gesuchte Unmittelbarkeit religiöser Erbauung und Erfahrung.

All das ist bekannt und gut dokumentiert und bei genauerem Hinsehen doch noch vielfältiger und reicher. Das Ziel sollte es sein, im vergleichenden Zusammensehen den besonderen Charakter dieser heilsgeschichtlich ausgerichteten 'Kunst' genauer zu fassen und dabei der besonderen Bedeutung von Weg, Landschaft und Berg Rechnung zu tragen. Es ist durchaus erwünscht, dass der hier in erster Linie beschriebene Rahmen verlassen wird und durchaus auch andere 'Kulturräume' berücksichtigt werden.