Zur Einführung

Die barocke Stadt: geplant, gebaut, erlebt und dargestellt

 

Die barocke Stadt! Es gibt kaum ein Thema, das sich so unmittelbar und einprägsam mit der Vorstellung des Barock verbindet, wie gerade dieses. In ihm findet all das statt, was sich mit dem Leben und der Gesellschaft aufs Innigste verbunden als Kunst manifestiert, wobei alles von der Alltäglichkeit zum Fest und zur Zeremonie eingebunden erscheint. Wer würde nicht das – in Stich und Bild festgehaltene - Faszinosum  begeistert zur Kenntnis nehmen, das sich mit der als antike Naumachie neuerstehenden Piazza Navona verbindet. Und wer nähme nicht zur Kenntnis, dass die modernen Palazzi Roms, wie sie in Stichwerken begierig auch im Norden kopiert und aufgenommen wurden, der Stadt ihr angemessenes und bewundertes Kleid, ihre ‚Fassade’ verpasst hätten; sie werden dann in Wien von Fischer von Erlach und Hildebrandt in einer neuen Version von Stadt – und dank Salomon Kleiners Stichen von Stadtbild - umgesetzt.

Die Vielfalt möglicher Themen und Zugänge scheint unendlich. Und doch ist manches weniger bekannt oder übersehen oder nicht gründlich genug vertieft worden und birgt Überraschungen. 

Die zahlreichen Romführer, die zuerst dem Pilger, aber sehr schnell auch dem ‚Touristen’ zugedacht sind, lassen nicht nur erkennen, was sich da findet, sondern auch zu welchem Zweck all diese Orte aufgesucht werden können und sollen. Es wird – mit jeder Neuauflage - ein neues Angebot gemacht, auf Verborgenes, noch nicht Bekanntes hingewiesen: „sempre accresciuto di nuove, e belle notitie, per chiarezza, e soddisfattione maggiore de’Lettori“, „& arricchito di moltissime novità sì nel Sacro come nell’Antico, e Moderno“. Man geht in der Stadt auf Entdeckungsreisen. Man schwört auf den Reichtum an Information und Wissen, will alles erfahren und der Sache auf den Grund gehen: „con quella esattezza di Verità, che si deve à più sidate Historie“. Die Stadt birgt Erlebnisse, so wie es Niccola Roisecco im Vorwort des ersten Bandes seines 1765 einmal mehr aufgelegten „Roma Antica, e Moderna“ mit dem Beispiel der Engelsburg suggeriert: „Per esempio, chiunque ritrovasi in vicinanza del Castel S.Angelo, prova a mio credere un piacere senza pari, allorchè con un solo colpo d’occhio si vede istruito, esser stato questo il magnifico Mausoleo dell’Imperadore Adriano ...“.

„Con un solo colpo d’occhio“: die Stadt soll durch das Auge, den Sehsinn erfahren werden. Gerade Rom ist insofern eine Stadt der Sinne und, noch mehr, des Staunens. Die alte „magnificenza“ teilt sich auf diese Weise in der ständigen Begegnung mit den Monumenten mit. Und was an Neuem hinzugefügt wird, lässt das Ganze als „Nuovo Teatro ... in prospettiva“ – gemäss dem Titel von Faldas Stichwerk (1665) – erleben: „... da tutti i sette Colli risuonano applausi festivi in vedersi con nuova pompa risorta Roma a gli honori primi; onde ciascuno l’ammira. Le Basiliche, i Tempij, gli Altari, i Simolacri, le Piazze, le vie, i Palagi, e le moli erette e rinnovate ...“.

Der Verleger des Werkes Faldas, G. G. de’Rossi beschreibt in der Widmung an Mario Chigi auf diese Weise, woraus die Stadt gebildet ist. Rom ist – wie später Paris – das Modell für Stadt schlechthin. Die Ingredienzen, die Ingredienzen, die ‚Monumente’ finden sich s’étendre aux Villes entieres.“

Die Stadtform entwickelt sich als eine alles zusammenfassende, ganzheitliche Vorstellung – lange vor der modernen Erfindung des „Städtebaus nach seinen künstlerischen Grundsätzen“ im Sinne Camillo Sittes (1889). Sosehr in Rom wie in Paris vorwiegend „singuläre“ Bauwerke entstehen, sosehr wird jede einzelne bauliche Massnahme auch dazu benützt, Linien zu begradigen, Plätze herauszubilden, um schrittweise der Stadt als einer „architektonischen Gesamtkomposition“ (A. E. Brinckmann) zuzudienen. Diesen Prozess einer von innen heraus, durch die einzelnen Monumente gebildeten Stadt verkörpert die ‚Stadtverschönerung’, das „embellissement“, das ja von Pierre Patte aus Anlass eines Wettbewerbs für ein Monument zu Ehren Louis XV. zugunsten der gesamten Stadtentwicklung vorgeschlagen wurde.

Sind es in Paris die Monumente der Könige und in deutschen Residenzstädten diejenigen der Fürsten, so ist es in Rom die Religion, die keineswegs in die Kirchenräume verbannt sein will, sondern genauso auf die Plätze drängt, wie die weltlichen Formen der ‚Magnifizenz’. Carlo Bartolomeo Piazza setzt seinem „Eusevologio Romano, overo Delle Opere Pie di Roma“ den Psalmvers in den Titel: „Quam gloriosa dicta sunt de te Civitas Dei?“ Natürlich ist das ‚Neue Jerusalem’ und mittelbar die Heilserwartung stets und überall greifbar. Camillo Fanucci betont in der Widmung seines schon 1602 erschienenen „Trattato di tutte l’opere pie dell’alma Città di Roma“ an den Kardinal Rusticuccio, dass gerade auf diesem Weg die Auffassung der Häretiker von Roma als „una confusa Babilionia“ entkräftet werden könne. Man streitet in den Strassen Roms um die Seelen! Auch das gehört zur Stadt!

Falsch ist es ohnehin, wenn man das ‚Geschehen’ in die Paläste und Kirchen verbannt. Wenn ‚man’ sich nach der Zeremonie der Chinea abends in den Palazzo Farnese zurückzieht, wird das Volk mit Wein aus den antiken Badewannen auf dem Platz versorgt; und in Paris war die Beteiligung und Verköstigung der Bevölkerung – und damit der Einbezug des ‚öffentlichen Raumes’ – bei den königlichen Festen in gleicher Weise gewährleistet: „panem et circenses“!

Der im Zeichen moderner Barockforschung berühmt gewordene Vorplatz von S. Ignazio findet sich schon damals im Chirograph als „fabbrica teatrale“ bezeichnet. Natürlich gab es stets die Vermengung sakraler und profaner Welten und wurde dies auch beklagt. Doch in Rom wird dem dadurch begegnet, dass man die ganze Welt als „gran Tempio di Dio“ beschreibt, was wiederum auf dem Glauben basiert: „Iddio è da pertutto“. Man soll den Kult über die Kirche hinaustragen. 1725 meint Antonio Baldassarri das ganz konkret: „Ed invero cominciate ad orar nelle Piazze“. Auch dafür ist der Stadtraum geschaffen, ja prädestiniert.

Immer wieder wird man darauf verwiesen, dass die Stadt nicht nur von den Monumenten, von den raumbildenden Baukörpern bestimmt wird; ganz wörtlich bilden diese ‚nur’ das „teatro“, in dem Leben und Feier in vielfältigster Weise stattfinden. Von hier aus lässt sich die ‚barocke’ Stadt wohl am besten erschliessen und in ihren vielfältigsten Facetten erfahren.

 

                                                                        Werner Oechslin

 

Zwei weitere Texte Werner Oechslins zum Thema finden Sie unter tolle lege.