Einführung

     

Psychologisierend hat Heinrich Wölfflin seine Darstellung „Klassische Kunst“ mit der Beobachtung eingeleitet: „Das Wort ‚klassisch’ hat für uns etwas Erkältendes.“ Man folgert, dass es einem mit dem Barock umgekehrt ‚warm ums Herz’ wird. Barock ist üppig und überschwänglich, Klassik auf Einfachheit eingeschworen; Linienideal hier, Körperlichkeit dort. Kein Zweifel, solche aus dem Kontrast und Widerspruch geborenen Betrachtungen haben die Wiederentdeckung und Wertschätzung des Barocks am Ende des 19. Jahrhunderts begleitet. Doch ans Ende gekommen ist man damit nicht. Riegl gesteht 1908 in Anbetracht konvulsivisch verdrehter Figuren, er verstünde die Welt nicht mehr, und er fügte hinzu: „Und das stört uns Nordländer“. Mehr als der Gegensatz Klassik–Barock machte sich der moderne Widerspruch von Nord und Süd und mittelbar die Andersgeartetheit einer protestantischen und einer katholischen Kultur bemerkbar. Wölfflin schrieb noch 1931: „Für den germanischen Norden bedeutet Italien etwas Wesensfremdes.“ In „Renaissance und Barock“ hatte er sich 1888 das Ziel gesetzt, „die Symptome des Verfalls zu beobachten und in der ‚Verwilderung und Willkür’ womöglich das Gesetz zu erkennen.“ Die Suche nach „allgemeinen Formgesetzen“ war das Anliegen der Kunstgeschichte genau so wie der modernen Architektur, die auf diesem Weg sehr schnell zu den Ehren von „Stil“ und „Klassik“ gelangte. Doch über Maderno hinaus reichte dieser Weg 1888 nicht; jenseits jener vermeintlichen Gesetzmässigkeit gab es nur noch psychologische Schreckensmeldungen, „frenesia“, Suizid und Kopfweh. Aus dem „Deutschtum“ heraus argumentierte 1919 Rudolf Busch: „Unsere überreizten Nerven vertragen reiche Zier nicht mehr.“ Völkerpsychologie hatte der Kunstgeschichte den Blick verstellt und nun den aus dem vermeintlichen Kontrast und Widerspruch geborenen Epochenbegriffen auch noch diese Wertungen aufgesetzt. Eine klare Physiognomie dessen, was Barock denn sein könnte, hat sich dabei noch mehr verflüchtigt oder besser gesagt gar nicht erst eingestellt. Und der ‚Epochenbegriff’ Barock beschrieb jene Phase einer geteilten Geschichte, die heute nicht weniger zufällig und unpräzis der ‚frühen Neuzeit’ zugerechnet wird. 

Alles umsonst?
Es lohnt sich einmal umgekehrt nicht nach dem Charakteristischen und Typischen des Barocks zu fragen, sondern nach dem, was an klassischer Auffassung und Kultur in jener Zeit nachwirkte. Man wird schnell sehen, dass es diesbezüglich keinen Bruch, stattdessen eine umfassende Weiterentwicklung der in humanistischer Zeit neuentdeckten Interesssen gab. Und so selten sich zuvor eine wirklich ‚pagane’ Welt auffinden lässt, so wenig wird ‚danach’, nämlich nach der tridentinischen Reform, aller antiken Form und Mythologie abgeschworen. Unterschiedliche Akzente, Veränderungen gibt es zuvor und danach, und das Verbindende dominiert. 

Es geht also auch im Zeichen eines „Antirinascimento“ vorab um Kontinuität. Kontinuität darstellen bedeutet aber auch, Differenzen herauszuarbeiten. Daraus bezieht Kultur ohnehin den Anreiz reicher Entfaltung. Schliesslich verändert sich die Welt täglich und mit ihr die Künstler und ihre Auftraggeber; und jeder Nachfolgende wird sich gegenüber dem Vorausgehenden in irgendeiner Art ‚anders’ geben wollen. Das Spektrum der Möglichkeiten erweitert sich ständig. Und gerade deshalb ist umgekehrt der Blick auf eine massgebliche Autorität stets erwünscht. Man hält sich den Spiegel der antiken, klassichen Welt vor und bindet diese in sein eigenes Welt- und Geschichtsverständnis ein. 

Wölfflin hatte in seiner Einleitung zur Klassischen Kunst noch eine andere Klage hinzugesellt. Es wäre der historisch orientierten Wissenschaft das Interesse an der „Kunst“ abhanden gekommen. So begrüsst er umsomehr Adolf Hildebrands „Problem der Kunst“ (1893), das wie „ein erfrischender Regen auf dürres Erdreich gefallen“ sei. Daraus liesse sich einmal mehr ein – allerdings verheerender – Gegensatz von geschichtlich versus klassisch konstruieren. Richtig ist, dass die moderne Auffassung von klassisch als zeitlos, mittelbar als antihistorisch ausgelegt wurde. Doch jene Wiedergeburt der antiken Welt aus dem, was sich mit dem Begriff der ‚Renaissance’ verband, war natürlich genauso umfassend historisch interessiert, wie die danach kommende, jene Anliegen weiterführende ‚barocke’ Kultur. Das Klassische mag sich noch so sehr von der Geschichte abheben wollen, es bleibt doch immer Teil davon. Und es lohnt sich, dem in allen Facetten und Verquickungen nachzugehen, um auch hier den Reichtum zu entdecken, der sich aus der ständigen Begegnung mit der Antike in Kunst und Kultur gebildet hat. 

Werner Oechslin 

Weiterführend: Werner Oechslin, „Das Wort ,klassisch‘ hat für uns etwas Erkältendes.“ (Heinrich Wölfflin) 

http://www.bibliothek-oechslin.ch/stiftung/team/oechslin/oechslin_2011.1