2016: Inszenierung des Heiligen

Das Kolloquium findet von Sonntag 26. bis Donnerstag 30. Juni 2016 statt.

Wie üblich soll der Diskurs fächerübergreifend angelegt sein. Wir erhoffen uns eine rege Teilnahme von Wissenschaftlern und Promovierenden aus den Disziplinen Architektur- und Kunstgeschichte, Geschichte, Theologie, Literaturwissenschaften, Theaterwissenschaften, Soziologie etc.
Da dem Gespräch, gemeinsamen Diskussionen, grosses Gewicht zugemessen wird, sollten die Beiträge nicht länger als 20 Minuten dauern. Die Referate können in deutscher, englischer, französischer und italienischer Sprache vorgetragen werden. Passive Deutschkenntnisse werden vorausgesetzt.

Bedingungen: Die Stiftung übernimmt die Kosten für die Übernachtungen, die Exkursion und die gemeinsamen Abendessen. Reisespesen können leider nicht erstattet werden.

Wir bitten um Bewerbungen mit einem kurzen Exposé und CV bis spätestens 04. Dezember 2015 per e-mail an:

Konzeption / Organisation: Anja Buschow Oechslin, Axel Christoph Gampp, Stefan Kummer, Werner Oechslin, Tristan Weddigen.


BSK2016

















Einführung

Als „KirchenGeschmuck“ ist in Jacob Müllers Darstellung von 1591 all das apostrophiert, was umfassend vom Gebäude der „außwendigen materialischen Kirchen“ bis zum Kelchtüchlein und Weihrauchfass reicht. Alles, was dem Kult dient, ist der Aufbewahrung und Sorgfalt zugewiesen, wie der Regensburger Vikar in seiner Vorrede an den Leser betont.

Zum Gottesdienst und zu den Zeremonien gehört „auch Geschmuck und Herrligkeit der Kirchen“, sosehr dies den Haushalt belastet und deshalb ein „fürsichtiger Haußhalter“ bestellt werden soll, „biß man endich vilfältigen und genusgsamen Haußrat zusammen bringt“.

Jacob Müller und sein Buch zielen auf den engsten Bereich der dem christlichen Kult zugewiesenen Gerätschaften, die dem Messopfer am Altar dienen sollen, der seinerseits im Zentrum von Kirche und Kapellen steht. Jede einzelne Handlung ist dabei bedacht und jede Bewegung findet ihre kultische Inszenierung. Das hat sich nach dem Konzil von Trient verfestigt und ist dort in grundsätzlicher Weise diskutiert und neu dem Kult grundgelegt worden.

In seiner letzten Sessio XXV. hat das tridentinische Konzil am 4. Dezember 1563 auch die „invocatio“ und „veneratio“ der Überreste der Heiligen und der heiligen Bilder ins Pflichtenheft der Bischöfe aufgenommen und dabei an den Kult der frühen Christen erinnert. Es ist offensichtlich, dass damit eine Erinnerungskultur in aller Breite und in aller geschichtlichen Tiefe empfohlen wird. In alter Tradition spielt gemäss Ciceros Epitheta der Geschichte die „nuntia vetustatis“ genauso wie die „vita memoriae“ und über allem die „lux veritatis“ eine grosse Rolle. Aber es geht jetzt noch präziser um die unmittelbare Anschauung und um die Präsenz des „Heiligthumb“, der im engeren Sinne für den Kult unabdingbaren ‚Reliquien’; deren Präsenz wird in die darstellenden Künste hinein verlängert, kommentiert und glorifiziert. Nach dieser Massgabe sind auch die Gerätschaften und die Altäre selbst im weitesten Sinne „Custodien“ von Heiligtümern und Teil der Zurschaustellung alles Heiligen. Und all dies steht im Mittelpunkt von Kult und Zeremonie, die sich nach dem ewig wiederkehrenden Rhythmus des Kirchenjahrs und dessen Festen richtet.

Robert Bellarmin hat damals die Parole ausgegeben: „utiles imagines“. Man folgt der alten aristotelischen Einsicht „nihil in intellectu nisi prius in sensu“; je weiter entfernt das göttliche Mysterium ist, desto mehr bedarf es der Vermittlung durch Bilder. Daraus ergibt sich das Bedürfnis einer ‚christlichen Kunst’, die vorrangig gerade diesem Zweck der Vermittlung tieferer Geheimnisse über das Bild in heilsgeschichtlicher Absicht dienen soll. Der kritische Besucher Einsiedelns, Karl Wilhelm Ferdinand Solger, hat den entsprechenden Eindruck in die Empfehlung übersetzt: „Wer Gott in seinem Geiste nicht erreichen kann, der suche ihn in Bildern, er irrt nicht.“ „Ihn in seine Sphäre herabzuziehen“, drängt die Anschauung, die noch den Pakt mit der Sinneswahrnehmung eingeht. Und F. W. J. Schelling fasst diese (katholische) Tradition im Umgang mit Kult und Bild in seiner Darstellung „Über die historische Construction des Christenthums“ (1803) zusammen und formuliert: „Diese symbolische Anschauung ist die Kirche, als lebendiges Kunstwerk.“

All dies bietet den Rahmen, in dem unsere Analysen der „Inszenierung des Heiligen“, sei es im Bild, im Fest, im Ritual oder in und durch die Architektur, den gemeinsamen Ort und den Vergleich finden sollen.