John Ruskin – Werk und Wirkung

Internationales Kolloquium (Freitag, 25. August 2000 bis Sonntag, 27. August 2000)

Ruskin

Die Forschung zu Werk und Wirkung John Ruskins hat sich in der Vergangenheit vielleicht zu stark von der Person selbst fesseln lassen. Auch in den neuesten biographischen Arbeiten, etwa jener von Tim Hilton, John Ruskin. The Late Years, wird die Person aus dem grossen Kontext der Ideen- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts gelöst, um dadurch eingehender Lebens,- Liebes- und Leidensumstände Ruskins vor dem Leser ausbreiten zu ksnnen. Diesem ohne Zweifel verdienstvollen historischen Ansatz, möchte die Tagung eine weitere Perspektive zur Seite stellen, gewissermassen den Blick auf das Ganze, den Blick auf John Ruskin als kulturelles Phänomen. Dabei geht es natürlich auch um das komplexe Problem von Persönlichkeit und Werkgenese, aber vor allem um die breite Rezeption und Verarbeitung des Werkes in Europa und den Vereinigten Staaten. Vielleicht kann dieser kulturgeschichtliche Hintergrund vor allem im Verhältnis John Ruskins zur Kunst und Architektur seiner Zeit greifbar werden. Dass Ruskin eine besondere Beziehung zu den Arbeiten Turners hatte und mit den Präraffaelliten stark verbunden war, sollte nicht den Blick auf die architektonischen und kunstgewerblichen Interessen des Autors verstellen, nicht den weiten Gesichtskreis Ruskins „künstlerisch“ einengen. Die Fragen nach der Rezeption, nach Kontinuität und Diskontinuität in Werk und Wirkung, nach Vereinnahmung und Ablehnung Ruskins stehen also im Vordergrund des Interesses. Der Versuch einer Wirkungs- und Bewertungsgeschichte soll dabei für die Bereiche Architektur und Kunstgewerbe in besonderer Weise fruchtbar werden. Denn ganz unzweifelhaft stellten die Werke Ruskins (spätestens mit der grosse Ausgabe seiner Schriften vom Anfang des 20. Jahrhunderts, also zu Beginn der Moderne) Bildungsinhalte zur Verfügung, mit denen sich fast jeder europäische und amerikanische Architekt und Kunstgewerbler auseinanderzusetzen hatte: man machte sich die Meinungen Ruskins ebenso zueigen wie man sich kritisch mit ihnen auseinandersetzte. Die Zielsetzung des Colloquiums ist demnach, Ruskin nicht nur als englisches Phänomen zu betrachten, sondern seine Wichtigkeit für die Geistes- und Kulturgeschichte des europäischen und amerikanischen 19. Jahrhunderts Überhaupt zu thematisieren. Damit ist die Hoffnung verknüpft, zu einer neuen und sich erneuernden Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts beitragen zu ksnnen, und das in einer Zeit, die das 20. Jahrhundert und damit die "Moderne" selbst schon zum (historischen) Gegenstand der Forschung gemacht hat.