Vitruv-Kolloquium
Vitruv zwischen Theorie und Praxis: eine "Theorie der Praxis"

Ein
Arbeitsgespräch, veranstaltet von der Stiftung Bibliothek Werner
Oechslin, Einsiedeln, und dem Max-Planck-Institut für
Wissenschaftsgeschichte, Berlin
"… e si scenderà in belle, e
utili contemplazioni". *
"Habitus
faciendi cum ratione".
Aristoteles, Nikomachische Ethik.
§.1.
Studiorum ratio est species quaedam Rationis Status, id est, modus
perveniendi ad statum actionum perfectarum.
§.2. Status autem iste
dicitur Habitus, quem definio: Agendi promtitudinem acquisitam
permanentem …
G. L. Leibniz, Methodi Novae Discendae … (1668).
Iam
vero his, quanquam opifex, claris viris Vitruvius adnumeretur, qui si
propria non aliena inventa conscripsisset, inter primo adnumerari
poterat.
G.Cardano, De Subtilitate (XVI. De Scientiis).
Die moderne Kritik hat vielleicht allzu häufig, allzu einseitig oder
gar ausschliesslich Vitruv als Grundlage einer – 'kohärenten' – Theorie
der Architektur verstanden, und dies lange Zeit wiederum vorwiegend in
ästhetischer Absicht getan. So erklärt sich zumindest der Vorrang der
Themen von Säulenlehre und Proportion in den einschlägigen
Darstellungen, als ob sich darin umfassend ein 'Vitruvianismus'
festschreiben liesse. Es verhält sich doch gerade umgekehrt, dass
Vignola voller Sehnsucht nach dem in der Musik garantierten,
unmittelbaren sinnlichen Eindruck 'richtiger Proportionen', nach einer
ebenso eindeutigen Lösung "sotto una breve regola facile, et spedita"
sucht. So soll der ganze Ballast der vitruvianischen – gemäss Girolamo
Cardano ohnehin nur geborgten – Wissensfülle durch das Prinzip "auf
einen Blick" ersetzt werden; wörtlich, die Tücken des Lesens im Auge und
Giedions vorauseilendem Gestus an den "eiligen Leser" (1928 in "Bauen
in Frankreich) vorgreifend: "in un'occhiata sola senza gran fastidio di
leggere".
Dieser (Ziel-)Konflikt besteht seit Anbeginn der Bildung einer 'modernen' Architektur-Theorie, und er wird durch die sprichwörtliche Tatsache der "oscurità" des Textes Vitruvs nur noch verschärft.
Man muss von diesen Schwierigkeiten und dem bestehenden, bis heute wirksamen Vorurteil – in all seinen viefältigen Ausprägungen – ausgehen. Man verzichtet ungern auf die Vermutung, es verstecke sich in Vitruv in irgendeiner Weise doch ein 'kohärentes' Lehrgebäude' (das ja allein einen Begriff wie den des 'Vitruvianismus' wirklich begründen könnte), gerade weil auf dieser Annahme soviele Theorien aufgebaut worden sind, die natürlich längst ihrerseits Objekt unserer Untersuchungen sind. Es beginnt – und begann – alles mit dem Missverständnis von Vitruv I.I.1., wo Architektur als eine aus "fabrica"und "ratiocinatio" gebildete "scientia" eingeführt wird. Man fand das Modell von 'Theorie und Praxis', dachte man. Allein, der 'theoretische' Teil (der "ratiocinatio"), was geflissentlich übersehen wird, wird unzweideutig durch die (praxis-begleitenden) Funktion des "demonstrare atque explicare" präzisiert. 'Theorie der Praxis' müsste es also lauten, wobei die theoretische Anstrengung eben als 'praxis-begleitend' verdeutlicht wird. Die aristotelische Definition der Architektur als "habitus faciendi cum ratione" (des Bauens eben!) liegt da näher. Leonbattista Alberti, häufig genug missverstanden und als theorielastig kritisiert, folgt hier Vitruv genau, wenn er im Prolog zum "De Re Aedificatoria" das "certa admirabilique ratione et via" eben auf beides, das "mente animoque diffinire" und das zugehörige "opere absolvere" bezieht. Architektur umfasst und meint in erster Linie die Tätigkeit des Bauens, weshalb sie der Erfahrung nahe ist ("Nasce ogni Arte dalla Isperienza", sagt Daniele Barbaro.) Und das grundsätzliche Vertiefen dieser Frage braucht noch lange nicht zum Bruch dieses Zusammenhangs zu führen. Ganz im Gegenteil! Der 'theoretischste' aller Vitruvinterpreten, Daniele Barbaro, leitete seine Übersetzung und seinen Kommentar 1556 mit Beobachtungen ein, die gerade diese Tatsache des Praxiszusammenhangs bestärken sollten: "… l'Arte è habito nella mente humana , che la dispone fermamente à fare, & a operare drittamente, & con ragione fuori di se, cose utili alla vita."
Ohne Berücksichtigung dieser grundsäzlichen, zugegebenerweise weitreichenden Fragen, wird man wohl kaum zu einer angemessenen Betrachtung Vitruvs und seiner Nachwirkungen gelangen können. Natürlich hat man immer wieder versucht, aus Vitruv eine 'Wissenschaft der Architektur' herauszubilden; aber es trifft auch zu, was das Zedlersche "Universale Lexikon" 1732 festhält, eine solche "Architectonica Universalis" gehöre nach wie vor "unter die pia desideria" – Vitruv hin oder her!
Es sind solche Überlegungen, die zu der
'Versuchsanordnung' unseres Gesprächs und zu den folgenden Grundannahmen
geführt haben.
1.
Vitruv ist der Autor, der sein Werk
Augustus widmet. Er gehört in jene Epoche. Wenn nach seiner
'Neuentdeckung' (1415) für lange Zeit ganz allgemein die "autorità" der
Antike galt, so gibt es keinen Grund, nicht insbesondere (ganz nach dem
Muster beispielsweise Palladios) danach zu fragen, wie sich denn Vitruvs
Kenntnisse mit der Wirklichkeit und den geschichtlichen Perspektiven
seiner eigenen Zeit verhalten. Eine Rezeptionsgeschichte, die nur die
hinzugesetzten 'modernen' Deutungen ins Auge fassen würde, riskierte
nicht nur einseitig zu sein, sondern an dem alten Übel des Unverstehens
(der "oscurità") Vitruvs zu scheitern.
Geht man davon aus, dass
Vitruvs Zehn Bücher nicht eine abgehobene "scientia architectonica",
sondern eben eine letztlich auf bauliche Tätigkeit ausgerichtete
'Theorie der Praxis' bildet, so gilt umsomehr, dass Vitruvs eigene
Praxis, nämlich das Bauen aus seiner Sicht und Kenntnis für das
Verständnis des Textes unabdingbar und entsprechend hilfreich ist.
Allein schon deshalb ist es wichtig, dass unsere 'archäologischen' und
'kunsthistorischen' Kenntnisse zusammengeführt und abgeglichen werden
müssen.
2.
Umgekehrt ist es eben die 'Differenz', die auch
für die Beurteilungen hinzugesetzter, sich wandelnder Deutungen und
Sichtweisen und deren Vielfalt entscheidend ist. Die "oscurità" bildete
schon immer auch eine Chance und Herausforderung, zwischen Konjektur und
Fiktion 'Neues' in die Welt zu setzen, gerade so wie Semper in Anblick
der eben abgeräumten Londoner Inudstrieausstellung 1851 "Anomalie"
diagnostizierte, um dann daraus zu schliessen: "Hier ist der Sieg und
die Freiheit!" Man sucht zu verstehen und schafft Neues. Oder
ausführlicher, in Sempers Diktion: "Die Noth war die Mutter der
Wissenschaft, die sich empirisch entwickelte und bald in jugendlicher
Unbefangenheit von dem engen Bereiche des Erworbenen auf das Unbekannte
zuversichtliche Schlüsse baute, an nichts zweifelte und sich eine Welt
aus Hypothesen schuf." Die Risiken sind dabei benannt – und betreffen
uns alle. (Pierre Gros glossiert 1994: "l'inconcinnitas de Vitruve fait
périodiquement les délices moroses des philoloques".)
3.
Es
ist also in jedem Falle von hoher Bedeutung unsere Kenntnisse nach
Möglichkeit zu mehren und so die Ausgangslage zu verbessern. Das 'erste'
Forschungsprogramm zu Vitruv, das im Brief Claudio Tolomeis an Agostino
de'Landi vom 14. November 1542 die Bemühungen der berühmten römischen
Vitruvakademie dokumentiert, kann immer noch wegen seines radikalen,
umfassenden Ansatz als Muster gelten. Hier bleibt von Text zu Abbildung
und zu den Monumenten ("ove occorerà dichiarare molte cose de
l'antichità") nichts unerwähnt, was der Klärung des vitruvianischen
Bücher dienlich sein könnte. Tolomei hatte jene 'Differenz' im Auge,
wenn er auch zu den Übersetzungen ("e con parole, e costruzzioni cosi
aspre, ed intrigate") meint, "che senza dubbio manco assai s'intende in
volgare, che non fa in latino". Den Zwiespalt der 'Regel' fasst er – immer im Blick auf ein vielbändiges Corpus Vitruvianum – in die
Bemerkung:
"Segue poi un collegamento de le regole di Vitruvio con gli
esempii de l'opere, il qual libbro sarà molto utile, perche dove
Vitruvio porrà una regola, o vero uno ordine d'Architettura in questo
libbro si discorrerà in qual luogo ne li edifizii antichi sia osservato
tal ordine, e trovando che in qualche altro edifizio l'Architettor sene
sia partito l'avvertirà, discorrendo la ragione, perche in quel luogo
non si siano osservate le regole date da Vitruvio: cosi si congiugnerà
in un certo modo la pratica con la teorica, e si scenderà in belle, e
utili contemplazioni."
4.
… furthermore: Dass Vitruv
modellgebend für alles (eben auch das systematische) Nachdenken über
Architektur wirkte, steht ausser Zweifel. Und insofern soll das
Vitruv-Gespräch am Anfang einer hoffentlich langen Reihe zu ähnlichen
anderweitigen 'architekturtheoretischen' Gesprächen stehen. Man nahm – und nimmt – Mass an Vitruv.
Dies im Auge soll das erste Gespräch
eben so unbegrenzt wie gezielt auf Probleme eingehen, die sich aus der
Beschäftigung mit Vitruv ergaben, ergeben und ergeben müssen.

